
E.T.A Hoffmann

Alte Nationalgalerie, Berlin
(einst für ein Selbstportrait gehalten)

E.T.A Hoffmann
Wäre der Regierungsrat Hoffmann vor seiner Ankunft im Bamberg des Jahres 1808 gestorben, der Zweiunddreißigjährige würde ein allenfalls marginales Nachleben führen. Goethe hatte in diesem Alter seinen „Götz von Berlichingen“ und „Werther“ vorgelegt, Mozart gar „Die Entführung aus dem Serail“, „Le nozze di Figaro“ und den von Hoffmann abgöttisch verehrten „Don Giovanni“. Indessen findet sich beim nachmaligen Erzähler und Komponisten keine Spur von Genie. Weder als Dichter noch Musikschriftsteller war er hervorgetreten. Denkbar immerhin, der Lokalhistorie wäre er als Gründungsmitglied der Warschauer „Musikalischen Gesellschaft“ und Komponist geistlicher Werke sowie eines Singspiels aufgefallen. Nebenher womöglich, dass er für den Wanddekorationen im Quartier des Musikvereins zum Pinsel gegriffen hatte. Doch übertraf sein malerisches Vermögen kaum das eines zugleich begabten und enthusiastischen Liebhabers. Indessen schätzte Hoffmann selbst sein Talent als bedeutend ein. Im Tagebucheintrag vom 16. Oktober 1803 fragt es sich: „Ob ich wohl zum Maler oder zum Musiker geboren wurde?“ Von Schriftstellerei, vom Dichten gar, war nicht die Rede. – In der Malerei gelang Hoffmann auch später selten Bedeutendes. Immerhin mit Ausnahme seiner Karikaturen. Anders auf musikalischem Terrain. Zumal er grundsoliden Unterricht genossen hatte. Entriet doch sein Onkel, der pensionierte Justizrat Otto Wilhelm Doerffer, in dessen Königsberger Haus er aufwuchs, in dieser einen Disziplin der gewohnten Lethargie. Zum Vorteil auch des Neffen: Der Königsberger Domorganist Christian Wilhelm Podbielski erteilte Hoffmann Unterricht im Generalbass und Kontrapunkt. Bei seinem Kollegen, dem Domkantor Christian Gladau nahm er Stunden in Harmonielehre und auf der Geige. Der Organist an der Altstädter Pfarrkirche Carl Gottlieb Richter unterwies ihn auf dem Pianoforte. Später gab Hoffmann selbst Klavierstunden. Zutiefst pägten sich dem ganz jungen Mann zwei Opernerlebnisse in Ostpreußens Hauptstadt ein, 1793 „Don Giovanni“ und im Folgejahr „Die Zauberflöte“. Zwar behauptete Hoffmann 1818 in einem autobiographischen Abriss für „Brockhaus‘ Conversations Lexicon“ während seines ersten – zwei Jahrzehnte zurückliegenden – Berlinaufenthalts intensiv beim prominenten Opern- und Singspielkomponisten Johann Friedrich Reichardt (1752 bis 1814) studiert zu haben, einem gebürtigen Königsberger wie ihm. Ob er aber tatsächlich von Reichardt unterrichtet wurde, muss offen bleiben.
Okkupant und Musenfreund
Zurück nach Warschau: In der nach der dritten polnischen Teilung seit 1796 preußischen Stadt konnte der junge, nun zum Regierungsrat bestallte Jurist vollauf seinen Passionen leben. Er gehörte zu den Gründungsmitgliedern der örtlichen „Musikalischen Gesellschaft“, amtierte als deren Zweiter Vorsitzender und gelegentlicher Dirigent des Liebhaber-Orchesters. Klarer Fall, bei der Uraufführung seiner Es-Dur-Symphonie stand er selbst am Pult des Vereins-Klangkörpers. Gewiss ein Ereignis, würdig der Annalen örtlicher Musikgeschichte, darüber hinaus eher nicht.
Ausgeführt von Berufsmusikern, ging unter auch sonst professionellen Bedingungen am sechsten April 1805 die Uraufführung von Hoffmanns Singspiel „Die lustigen Musikanten“ im „Deutschen Theater Warschau“ über die Bühne. Auf dem Titelblatt der Partitur hatte der Verfasser erstmals seinen dritten Vornamen Wilhelm durch Amadeus ersetzt. Indes verschwieg der Theaterzettel den Namen des Komponisten mit dem lapidaren Bescheid: „Die Komposition ist von einem hiesigen Dilettanten.“ Das Singspiel fußt auf Clemens Brentanos – ihm wohl vom Warschauer Freund und Juristenkollegen Julius Eduard Hitzig nahegelegten – 1803 in Frankfurt a.M. erschienenem Libretto, einem für des Frankfurter Poeten romantisch-tändelnde Einbildungsgabe üblichen Produkt: der zwischen Famagusta auf Zypern und Samarkand im heutigen Usbekistan flottierende Verwechslungsgeschichte zweier fürstlicher Geschwisterpaare. Den „hohen“ Paaren kontrastieren der Commedia dell’arte verwandte Figuren: Minister, Bürgermeister und Nachtwächter. Die Partitur durchweht der Geist Mozarts, nicht minder die Anregungen weiterer zeitgenössischer Singspielkomponisten wie eben Reichardts. Das Publikum strafte Brentanos handlungsmäßig überdrehtes, allzu verspieltes Libretto durch Gleichgültigkeit. Hingegen applaudierten Besuchende und Presse Hoffmanns Musik. Womöglich, weil der Tonsetzer sich auf den artifiziellen, gar manirierten Text nicht einließ, vielmehr Gängiges lieferte, bekömmliche Konfektionsware.
Wenn Sie in „Die lustigen Musikanten“ hineinhören möchten: In der Aufnahme aus dem Jahr 1983 dirigiert Lothar Zagrosek das Radio Symphonie Orchester Berlin: https://www.youtube.com/watch?v=6Hsg-r6Az04
Vom Besatzer zum Besetzten
Nach Napoleons Sieg bei Jena und Auerstedt im Oktober 1806, des Empereurs Einfall in Preußen und der Flucht des Hofes aus Berlin gen Osten, dürfen die meisten Staatsdiener nicht länger auf Besoldung hoffen. Der unbezahlte Regierungsrat Hoffmann schickt seine Frau Michaelina (geb. Rorer) in ihre Heimatstadt Posen. Er selbst will sein Glück ausgerechnet im von der staatlichen Elite entvölkerten Berlin versuchen. Erst einmal liegt er längere Zeit krank danieder, ehe er im Juni 1807 in Preußens französisch besetzter Hauptstadt eintrifft. Günstige Aussichten bieten sich ihm dort nicht.
Ohne Einkommen, wie er – allenfalls spärlich versorgt und getröstet von einem Bratkartoffelverhältnis zu einer bis heute unbekannten Frau – in Berlin festsitzt, beschließt Hoffmann, aus der Not eine Tugend und die Musik zu seiner Profession zu machen. Der nach hier – seiner Heimatstadt – zurückgekehrte immer hilfsbereite Julius Eduard Hitzig schaltet für den Freund ein Stellengesuch im „Reichsanzeiger“:
„Jemand, der in dem theoretischen und praktischen Theil der Musick vollkommen unterrichtet ist, selbst für das Theater bedeutende Compositionen geliefert und einer bedeutenden Musikalischen Anstalt als Direktor mit Beyfall vorgestanden hat, wünscht als Musickdirektor bei einem, wo möglich stehenden Theater unterzukommen.“
Worauf sich der Bamberger Theaterdirektor Julius von Soden meldet. Dem Schreiben anbei findet Hoffmann ein vom Intendanten verfasstes Opernlibretto. Zum Beweis seines kompositorischen Talents soll er es in Musik setzten. Der Stellenaspirant entledigt sich der Aufgabe binnen 36 Tagen.
Von Soden war die Gründung und Erbauung des Bamberger Theaters im Jahr 1802 zu danken. Der passionierte Dramatiker und Mann des offenen Wortes hatte seiner Freimütigkeit halber 1796 der Karriere als preußischer Geheimer Rat und Gesandter beim Fränkischen Reichskreis entsagen müssen.
Unter „romantischer Oper in vier Akten“ firmierend, greift „Der Trank der Unsterblichkeit“ auf die Erzählung „The History of Nourjahad“ der damals schon seit über vier Jahrzehnten verstorbenen irischen Dichterin Francis Sheridan zurück. Die Titelfigur wird im Libretto zu Namarand, bleibt indes der junge und reiche persische Edelmann, der um seinen Luxus ewig zu genießen, die Unsterblichkeit begehrt. Der Sultan und des Hoffärtigen Ehefrau aber erteilen ihm eine Lehre: Eigene Unsterblichkeit bedeutet das Hinscheiden der Lieben und des Gewohnten zu erfahren. Reumütig begehrt Namarand des Lebens Endlichkeit zurück. Sultan und Gemahlin enthüllen zum selbstredend guten Ende dem Geläuterten ihre Listen.
„Romantisch“ am Sujet ist vor allem die orientalisch-märchenhafte „Tausendundeine-Nacht-“Atmosphäre. Hoffmanns Partitur freilich geht über Mozartepigonalismus nicht hinaus. Offenbar hielt der Stellenbewerber solche Faktur für marktgängig. Zumal in der Provinz. Sei dem, wie ihm sei, das wenig inspirierte Werk genügte. Hoffmann erhielt seine Anstellung.
