
Gern gesehener Gast im Salon und verschmähter Liebhaber
Anfang April 1809 engagiert Theaterchef Cuno Hoffmann als Spielleiter der Oper. Für nur fünf Tage. Der Impresario ist bankrott. Sein frisch gebackener Opernregisseur findet sich gekündigt. Gerichtlich zwingt das Ensemble den Prinzipal zur Fortsetzung des Spielbetriebs. Die Kündigungen sind rechtlich unwirksam. Doch lässt sich die Katastrophe erst aufhalten, als die 49 meist in der Stadt ansässigen Aktionäre selbst die Theaterleitung übernehmen. An ihrer Spitze der kunstsinnige Arzt Friedrich Adalbert Marcus. Gleichwohl muss das künstlerische Personal die drastische Beschneidung der Gagen hinnehmen. Schlimmer noch kommt es für Hoffmann. Der Spielleiter gilt als verzichtbar. Ohne Aussicht auf Verlängerung läuft zum Ende der Saison sein Vertrag aus. Dem nun Stellungslosen bleibt einzig der Titel „Musikdirektor“.
Hoffmann verdingt sich am Haus als eine Art Gelegenheitsarbeiter. Er betätigt sich als Theatermaschinist, Kulissenmaler und Kartenabreißer. Ansonsten schlägt er sich mit Unterricht vor allem auf Klavier, Geige und als Gesangslehrer im Bamberger Bürgertum durch. Ab September übernimmt Julius von Soden neuerlich die Bamberger Theaterdirektion. Im Frühsommer erst hatte Hoffmann den Mann, der ihn nach hier geholt hatte, persönlich kennengelernt. Rasch ergibt sich ihr Zusammenwirken für eine Novität. Im Oktober gelangt von Sodens und Hoffmanns „Dirna. Ein indisches Melodrama in drei Aufzügen nach einer wahren Geschichte“ zur Uraufführung. In der heute kaum mehr präsenten Gattung wechseln sich gesprochener Text, Pantomime und Instrumentalmusik ab. Wie in „Dirna“, in manchem Fall durch Begleitchöre ergänzt. Hoffmann liefert keinen Geniestreich, aber das leicht über einstündige Werk gelangt in Bamberg zu immerhin drei Aufführungen.
Auch stellt sich ein – wenn auch höchst bescheidener – Nachspielerfolg ein. Am Salzburger Nationaltheater geht „Dirna“ zwei Mal über die Bühne. Neben den Honoraren für das Melodram und Schauspielmusiken tröpfeln ab und an Einnahmen aus der Musikschriftstellerei. Zuversicht keimt, als Hoffmann vom vakanten Posten des Musikdirektors bei der zwischen Leipzig und Dresden pendelnden Operntruppe des Impresarios Joseph Seconda erfährt. Er bittet Friedrich Rochlitz um Empfehlung. Doch kommt die Bewerbung zu spät. Die Stelle ist inzwischen besetzt.
Avancement unter neuer Intendanz
Entmutigt von den finanziellen Kalamitäten des Bamberger Theaters wie der Bühnen überhaupt, demissioniert von Soden im Frühjahr 1810, um fortan in Erlangen und später Nürnberg volkswirtschaftlicher, Privatgelehrtheit zu obliegen. Indessen zeigte sich für Hoffmann ein Lichtstreif am Horizont, gastiert doch im April der Gitarrist, Liedsänger und Schauspieler Franz v. Holbein vor Ort. Hoffmann war dem österreichischen Adligen, der das Umherschweifen des romantisch vagierenden Spielmanns einer Karriere im Staatsdienst vorzog, erstmals 1799 in Berlin begegnet. Es war zu manchem Kunstgespräch und einiger Zecherei gekommen. Wenige Jahre darauf trafen der junge Regierungsrat und der reisende Barde neuerlich zusammen. In Glogau, wo Hoffmann sich zum Verwandtenbesuch aufhielt, v. Holbein mit seiner Gemahlin logierte. Der Gräfin Lichtenau.
Keiner Geringeren als der „Schönen Wilhelmine“, einstiger Mätresse des Preußenkönigs Friedrich Wilhelm II. und von dessen Sohn und Nachfolger nach Schlesien verbannt. Die Ehe war längst geschieden. Künstlertum, Noblesse und Weltläufigkeit v. Holbeins bewogen die Bamberger Theateraktionäre, ihm die Direktion des Hauses anzutragen. Der von den Honoratioren Umgarnte unterzeichnete den Kontrakt am 24. Juni 1810. Ab August findet sich Hoffmann zum festangestellten Bühnenbildner bestallt. Er wird für ein gutes Dutzend Produktionen verantwortlich zeichnen. Von Holbeins Spielplan gibt sich gegenüber dem seines Vorgängers leicht gehoben. Zwar beherrschten im Schauspiel weiterhin die Kassenschlager Ifflands, Schröders und Kotzebues das Programm. Doch eröffnete „Minna von Barnhelm“ die Saison. Bald folgt „Hamlet“.
Hoffmanns Bühnenbilder zum „Käthchen von Heilbronn“, ferner Caldérons „Der standhafte Prinz“ und „Die Brücke von Mantibe“ bestätigen v. Sodens Spielplan-Ansprüche. Shakespeare, Kleist und Caldéron auf die Bühne zu bringen, mutet programmatisch an. Im Elisabethaner und dem spanischen Barorckdramatiker sahen die Romantiker ihre Ahnen. Kleists „Großes historisches Ritterschauspiel“ ist Inbegriff romantischen Sprechtheaters. Hoffmanns Bühnenbildentwürfe zeigen sich konventionell angelegt, bei einem zu Cherubinis „Wasserträgern“ („Le deux journées“) fallen gar Unsicherheiten in der Perspektive auf. Seine Vorlagen übertrug er selbst ins Großformat der Kulissen. Erhalten ist davon selbstredend nichts. Verloren sind auch die für Friedrich Adalbert Marcus für dessen Refugium auf der Altenburg gemalten Fresken. Schon weil Hoffmann sich auf Porträts beschränkt, erlauben die in Bamberg entstandenen Gouachen kaum Anlalogieschlüsse. Doch kommen diese und die Bühnenbildentwürfe in ihrem mehr oder minder bis an die Grenze zur Profession reichenden Dilettantismus überein.
Es drängt sich der Vergleich mit dem eine Zeit lang den Wechsel ins malerische Fach erwägenden Goethe auf. Bedeutende Lehrer lenkten sein mäßiges Talent in passable Bahnen. Hingegen fanden Hoffmanns limitierte Gaben keine ähnlich gediegene Unterweisung. Zurück zu v. Holbeins Spielplan: Cherubinis „Wasserträger“, ebenso die Werke Dalayracs, Paisiellos und Méhuls stehen für das erwartbare Vorwiegen des französischen und italienischen Opernrepertoires. Auch unter v. Soden fluten Singspiele die Bühne, von denen Ferdinand Kauers „Das Donauweibchen“ wenigstens dem Titel nach noch heute bekannt ist.
Aurora
Dem Tonsetzer Hoffmann war ein nächstes Opernprojekt vergönnt. Franz v. Holbein hatte das Libretto zu einer dreiaktigen opera seria verfasst, deren Plot freilich noch ins 18. Jahrhundert zu datieren schien. Die Handlung ist aus der griechischen Mythologie genommen. Prinzessin Procris und der Hirt Cephalus sind ein Paar. König Erechtheus aber gestattet seiner Tochter einzig die Wahl zwischen zwei alternden Herren, dem verdienten Feldherrn Polybius und Dejoneus, König von Phokis. Zu allem Überfluss verliebt sich Aurora, die Göttin der Morgenröte, in den Hirten. Doch steht Cephalus zur Prinzessin wie diese zu ihm. Schweren Herzens verzichtet die Göttin auf den jungen Mann. Überwindet sich gar, bei ihrem Erscheinen alle Verwicklungen aufzulösen. Cephalus erweist sich als Kind des Phokerkönigs. Seine inzwischen verstorbene Mutter hatte ihn aufgrund eines fehlgedeuteten Orakels aussetzen lassen. Ein Hirt hatte ihn gefunden und aufgezogen. Der alte Haudegen Polybius hegt mittlerweile ohnehin eher väterliche Gefühle für die Prinzessin. Aurora gibt das junge Glück zusammen.
Von Holbeins Libretto ist nicht gar so veraltet, wie die Inhaltsangabe nahelegt. Pathos, Intrigenhandlung und höfisches Zeremoniell zeigen sich weit zurückgedrängt. Privatheit und Individualität der Figuren füllen die solcher Reduktion halber entstandenen Lücken. Das sich durch Göttin und Orakel ausweisende Schicksalhafte des Sujets bot Gelegenheit zur Deutung ins romantische Walten höherer Mächte. Oft nimmt Hoffmanns Partitur diese Tendenz auf. Etwa, wenn sich im Vorspiel zum zweiten Akt der Wind an jener am Meeresstrand aufgestellten hohlen Eisensäule zu schaffen macht, die Aurora für den vermeintlich hingerichteten Cephalus hat errichten lassen. Die Oper durchziehen sich wiederholende Motive. Zwar noch ohne die dramaturgische Konsequenz späterer Erinnerungsmotivik, doch arbeiten sie dieser deutlich vor. Überdies fällt auf, wie nachdrücklich die Klangsprache aus der Chromatik erwächst, meist chromatischen Sekundschritten und Quartgängen. Mochte immer diese Intervallik zeitgenössischen Tonsetzern vor allem zur Beglaubigung heftiger Affekte durchaus vertraut sein, Hoffmann zielt erklärtermaßen auf Mozarts „Don Giovanni“. Sein Tagebuch vermerkt unter dem 20. November 1811, er habe „viel Musik aus Don Juan gemacht.“ Für Hoffmann Mozarts opus summum. Das er – davon wird bald noch die Rede sein- zum Inbegriff des Romantischen erhob. Doch bleibt unüberhörbar, wie Hoffmanns Komposition über weite Strecken in Gleisen nachklassischer Epigonalität verläuft.
Während „Aurora“ im Originalmanuskript der Partitur als „eine große romantische Oper in 3 Aufzügen“ firmiert, weisen die Abschriften „eine große heroische Oper in 3 Ackten“ und „eine große Oper in 3 Ackten“ aus. Die wechselnden Untertitel reflektieren des Werks Schwanken zwischen Klassizität und Romantik. – Nur zu bald war klar, dass die missliche Etatsituation des Bamberger Theaters die Uraufführung nicht erlauben würde. Konkrete Aussichten, das Werk in Würzburg aus der Taufe zu heben, zerschlugen sich durch die Belagerung der französisch besetzten Stadt infolge der Leipziger Völkerschlacht. Offenbar unternahm v. Holbein ferner, die Oper in Wien unterzubringen. Erfolglos. Eine im November 1933 im Bamberger Theater herausgekommene Bearbeitung durch den örtlichen Komponisten und Musiklehrer Lukas Böttcher darf als Uraufführung nicht gelten. Böttchers dem „Kampfbund für deutsche Kultur“ des NS-Chefideologen Alfred Rosenberg willfahrende Eingriffe in Handlung und Musik entstellten das Werk. Die eigentliche Uraufführung fand im Mai 1993 an der Berliner „Neuköllner Oper“ statt. Das Teatr Wielki in Poznan (Posen) versuchte sich im April 2008 an „Aurora“ und gastierte mit ihr in Bamberg.
Der vom Orchester der Kölner Akademie unter Alexander Willens dargebotenen Ouvertüre können Sie hier lauschen: https://www.youtube.com/watch?v=Lvfks-7Teo
Für einen Teenager entflammt
Ehefrau Michalina mochte Hoffmann genügen, sofern sie seinem wenig gefestigten Lebenswandel häuslichen Rückhalt bot. Die Honoratiorentochter war in Poznan geboren und aufgewachsen. Ob ihre – nach häufigem Mutmaßen – nur rudimentären Deutschkenntnisse sie zu äußerst eingeschränktem gesellschaftlichem Verkehr bewogen oder ihre Zurückhaltung andere Gründe hatte, darüber kann nur spekuliert werden.

Ohnehin empfand sich der Gemahl zu Teenagern hingezogen. Im Frühling 1809 hatte Hoffmann die dreizehnjährige Julia Mark zunächst auf dem Klavier, bald darauf auch im Gesang zu unterrichten begonnen, eine Tochter aus bester Bamberger Familie. Ihre Mutter Franziska war Witwe Philipp Marks, des amerikanischen Konsuls für Franken. Eine Verwandte des fortschrittlichen Arztes und führenden Theateraktionärs Friedrich Marcus. Hofmann stand in Liebesflammen. Im Januar 1812 erklärt der Sechsunddreißigjährige der nun Fünfzehnjährigen seine Liebe. Der Teenager lässt sich nicht darauf ein. Aufgestautem fleischlichem Begehren ein Ventil zu verschaffen, hatte ihr Anbeter eine blutjunge Schauspielerin aus dem Bamberger Ensemble verführt. Hoffmanns Tagebucheintrag vom 28. Januar 1812 nennt sie einen „Blitzableiter“. Neben dem Alterunterschied sprach gegen Hoffmann, ein verheirateter Mann zu sein. Nicht minder seine wirtschaftlichen Verhältnisse. Zwar war der „Musikdirektor“ ein angesehener Bürger, Gast in Bambergs führenden Familien. Überdies in die örtliche Gesellschaft „Harmonie“ gewählt, einer Vereinigung bildungs- und besitzbürgerlicher Kreise.
Doch unter keinen Umständen hätte der „Musikdirektor“ und Bühnenbildner Julia den für ein Mitglied der Familie Mark angemessenen großbürgerlichen Lebensstil bieten können. Mochte immer Hoffman nicht mehr der Beinahe-Hungerleider sein, der er während seiner Stellungslosigkeit gewesen war. Zur Gage des Bühnenbildners und gelegentlichen Honoraren für Schauspielmusiken addierte sich jetzt das Einkommen aus dem Erbe Otto Wilhelm Doerffers. Der Königsberger Onkel, in dessen Haus Hoffmann aufgewachsen war, hatte Anfang September 1810 das Zeitliche gesegnet. Hoffmann war Universalerbe. Freilich ohne vollständige Verfügungsmacht. Bloße Ratenzahlungen wiesen ihn in Schranken. Dies, während Konsulin Mark auf eine vorteilhafte Partie für die Tochter dachte. Bestens vernetzt, wie sie war, spann sie Fäden bis nach Hamburg.
Eskalation
Im Spätsommer 1811 stellte sich von dorther der sechsundzwanzigjährige Gerhard Graepel Junior als Julias Freier in Bamberg ein, Teilhaber des Bankhauses „J.G. Graepel & Sohn“. Der Vater war Senator, Regierungsmitglied des Stadtstaates. Gesellschaftliches Prestige anlangend, hätte es Julia Mark schwerlich vielversprechender treffen können. Hoffmann drohte vor Eifersucht auf den Rivalen zu bersten. Neid, Groll und Verachtung mischen sich zu unheilvollem Gebräu. Empörend für den Abgewiesenen, wie die höhere Tochter ihrem Freier offenbar allerhand Liebkosungen gönnte. Zärtlichkeiten, die sie Hoffmann niemals erlaubt hatte.

Der Eklat lässt bis zum sechsten September 1812 auf sich warten. Hoffmann findet sich zur Nachfeier der Verlobung eingeladen. Die Gesellschaft wandert zum Barockschloss Weißenstein nach Pommersfelden. Mindestens die Herren haben Alkoholischem tüchtig zugesprochen, sind über das Stadium bloßen Angeheitertseins weit hinaus. Graepel schwankt volltrunken. Hält sich kaum mehr auf den Beinen. Die Verlobte stützt ihn. Im Schlosshof angelangt, entgleitet er ihr. Stürzt auf’s Pflaster. Voller Hohn wirft sich Hoffmann in triumphierende Positur: „Sehen Sie, da liegt der Sch…hund! Wir haben doch auch getrunken, wie er, uns passiert so etwas nicht! Das kann nur so einem gemeinen, prosaischen Kerl passieren!“ – Zitat und Schilderung des Skandals überliefert Hoffmanns Freund Carl Friedrich Kunz. Der kunstinnige Weinhändler und bald auch Verleger, dessen Haus Bamberger und durchreisenden Musikern, Dichtern und Gelehrten offenstand, war mit von der verhängnisvollen Partie. Nicht anders zu erwarten, erteilt die Konsulin dem Wüterich – indessen infolge schriftlicher Bitte um Vergebung bald schon gemildertes – Haus- und Besuchsverbot.
Über solchem Liebesleid ging im Oktober der Wechsel in der Theaterleitung von Franz v. Holbein, der entnervt von den trostlosen Bamberger Finanzen das Würzburger Haus übernahm, zu Joseph Reuter, welcher es künftig neben dem Nürnberger betrieb, beinahe spurlos an Hoffmann vorüber. Zumal sich an seiner beruflichen Position nichts änderte. Der Hochzeit Mitte Dezember muss Hoffmann fernbleiben. In der Folgewoche machen sich die Eheleute gen Hamburg auf. Die Nachwelt sieht den Bankier durch Hoffmanns und seines Freundes Augen. In ihnen erscheint er steif, trocken, geist- und witzlos, zugleich anzüglich, gar lüstern, ein geiler Pfeffersack ohne Seele; das ganze Gegenbild zu enthusiasmierten Romantikern. Ob das Verdikt zutrifft, ist nicht zu erweisen. Mag aber sein, es war etwas daran. Jedenfalls ließ sich Julia Graepel wenige Jahre hernach scheiden. Sie ging unter wechselnden Namen in Hoffmanns Werk ein. In fortgeschrittenerem Alter bekannte sie sich durchaus zu solchem Ruhm.


