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Kneipe als Kindergarten

Erschienen: 22. Februar 2024
Trier, Hauptmarkt

Eine kurze Geschichte aus der Gastronomie

Der reisende Kritiker findet nicht immer Gelegenheit zum Abendessen vor der Aufführung. Zwar ist ein unter gewöhnlichen Umständen zureichendes Zeitfenster eingeplant, oft aber durchkreuzt die Deutsche Bahn die Rechnung. Es bleibt in solchem Fall nur kurze Frist, um sich im Hotel frisch zu machen und ins Theater zu eilen. Wenn daher nach der Vorstellung in einem Restaurant nahe der besuchten Bühne versichert wird, die Küche sei noch geöffnet, ist das Entzücken groß. So im für seine Gastlichkeit gepriesenen Trier. Im kaum mehr als einen Steinwurf von den Bühnen der Stadt entfernten Restaurant reichte eine freundliche Bedienung dem Hocherfreuten und seiner Begleitung die Speisekarte.

Rasch trafen die beiden Heißhungrigen ihre Wahl. Flugs nahm die angenehme Servicekraft die Bestellung auf. Passabler Riesling und kühles Bier ließen Gutes hoffen. Was aber folgte, würde vielleicht keinen Seneca, mindestens aber einen Marc Aurel zum Philosophieren bewogen haben. Jedenfalls hätte das Geschehen selbst einem in Geduld geübten Stoiker eine Bewährungsprobe abverlangt. Wobei Fehler das eine sind. Ein anderes der Umgang mit ihnen – neudeutsch Fehlerkultur respektive Fehlermanagement. Wer sich einen Schnitzer leistet, bereitet Verdruss. Doch tragen Zugewandtheit, verbunden mit Empathie und einer Prise Charme beträchtlich dazu bei, die Scharte auszuwetzen. Wer aber seinen Ton nicht auf die erwartbar Missvergnügten abzustimmen vermag, sorgt für Ärgernis. Im Etablissement nahe dem Trierer Theater erschien nach geschlagener halber Stunde, mithin zu einer Zeit, da in beiden Gästen die Bereitschaft zum Verzehr der eigenen Schuhsohlen wuchs, eine zweite Servicekraft am Tisch.

Dem Augenschein nach war sie eher mit der Leitung der Blaubären-Gruppe im Kindergarten Pusteblume betraut als mit dem Restaurantbetrieb. Und wahrhaftig redete sie auf die Darbenden ein wie auf Menschlein im Sandkastenalter. Wortwahl und Tonfall gaben sich bemüht kindgerecht. Die Servicekraft sprach, als ob Karlchen und Franzi beizubringen sei, dass die Kleinen– obwohl ihnen versprochen – auf die Vollkornkekse verzichten mussten. Der Suada war zu entnehmen, es werde keine Mahlzeit serviert. Die Küche sei geschlossen. Die Botschaft verstimmte. Mehr noch die Infantilisierung der Gäste in Wortwahl und Tonfall. Der ausgehungerte Gast erlaubte sich zu bemerken, die Hiobspost vom Feierabend in der Küche hätte ihn längst schon erreichen dürfen. Wie für eine gewisse Spezies von Menschen mit Erziehenden-Allüre üblich, fühlte die ihre Gäste infantilisierende Servicekraft sich nun vom ungeratenen Zögling persönlich angegangen.

Er wolle gewiss umgehend zahlen. Des Gastes Hoffnung auf Bewirtung mit Essbarem war ohnehin zerstoben, er zog daher folgsam sein Portemonnaie hervor. Die kindergärtnernde Bedienung aber eilte wie zum Hohn an entfernte Tische. Auch dort verkündete sie die frohe Botschaft. Um die Geschichte abzukürzen: Demonstrativ mit der Geldbörse winkend rief der kläglich Unversorgte die Servicekraft entschieden und vernehmlich an den Tisch. Statt aber nun endlich zu kassieren, tadelte sie den ebenso sträflich Ungesättigten wie Zahlungserpichten erneut ob seines vorgeblichen Hanges zu Widerworten und unartigem Benehmen. Vor lauter Schelten hatte die erzieherisch ambitionierte Servicekraft vergessen, dass sie höchstselbst den Gast zur Begleichung der Zeche gedrängt hatte.

Dieser leitete daraus und zugleich aus der üblen Abfuhr für sein Begehren nach Nahrungsaufnahme das Recht ab, der endlos sich Echauffierenden das Wort abzuschneiden und eine zureichende Banknote auf den Tisch zu legen: „Ich möchte mein Geld noch vor dem Jüngsten Gericht loswerden.“ Endlich nun waltete die Servicekraft ihres Amtes und wickelte den Zahlungsvorgang ab, so dass der Gast sich nun zwar nicht vollendet, doch vollends bedient fühlen durfte. Fluchtartig retirierte er sich mit seiner Begleitung ins Hotel. Zum guten Ende: Denn dessen hellwacher Nachtportier las die Wünsche der Verschmachtenden von den Augen ab und zauberte ein annehmbares Souper samt ausgezeichneter Flasche Wein herbei. Die Situation war gerettet. Gastronomie aber und Kindergarten zu verwechseln, qualifiziert weder für diese noch für jenen.

Selbstredend handelt es sich um einen rein fiktionalen Text.

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