Keine Frage, erzählen kann der belgische Schriftsteller. Und sein Gegenstand fasziniert bis heute: jene einzigartige Synthese aus französischer und flämischer Kultur, wie sie Brüssel noch immer prägt und in wechselnden Anteilen weite Gebiete Belgiens. Besaß doch das kurzlebige spätmittelalterliche Reich der Herzöge von Burgund in der heutigen belgischen Hauptstadt eine zweite, das französische Dijon bald überflügelnde Kapitale. Die Reichsbildung war ein generationenübergreifendes Wagestück aus Diplomatie und Gewalt. Van Loo rückt das Burgundische Reich in die Spannungsfelder der Konflikte mit den französischen Königen, England und den auf ihre Freiheiten pochenden Städten des eigenen Territoriums, vor allem Antwerpen, Brügge und Gent. Die überfeinerte Hofkultur der Herzöge kommt nicht zu kurz. Bildende Kunst und Dichtung werden als den Urkunden und Chroniken der Zeit gleichrangige Quellen behandelt.
Dennoch sind die Einwände erheblich. Zwar liegt die Personalisierung von Geschichte angesichts der ergiebigen Reihe der Herzöge von Philipp dem Kühnen über Johann Ohnefurcht und Philipp dem Guten bis zu Karl dem Kühnen nahe. Indessen knickt Van Loo vor dieser Versuchung ein. Zumal die Herzöge mindestens in eben dem Maß, in dem sie Geschichte schrieben, Produkte von Zeit, Umständen und Systemen sind. Die kommunalen Erhebungen in Antwerpen, Brügge und mehr noch Gent als kaum mehr denn Unbotmäßigkeit und Aufruhr zu betrachten, bequemt sich daher über die Maßen der herzoglichen Sichtweise an. Diese Städte hätten wohl in jedem Fall kraft ihrer ungeheuren Produktivität reüssiert. Ob das Herzogtum ohne die flämischen Metropolen den seinen Ruhm begründenden Zuwachs an Macht und Glanz erlangt hätte, darf bezweifelt werden.
Wenngleich mich das Burgund des Spätmittelalters immer wieder anzieht, die Materie mich mithin fortgesetzt fesselt, kann ich nicht übersehen, wie arg Van Loo seiner Lust am Erzählen das Analytische hintanstellt. Huizinga aber bleibt in seinem Klassiker „Herbst des Mittelalters“ der weitaus überlegene Schilderer. Bedauerlich, sieht doch Huizinga im burgundischen Herzogtum ausschließlich die mittelalterliche Spätblüte, während Van Loo es als Schwelle zur frühen Neuzeit begreift.





