Jüdisches Tagesdatum:
12 Adar 5786

(01/03/2026)

  • Bühne
  • Buch
  • Reise
  • Kunst & Architektur
  • Politik & Gesellschaft
  • Groß in Form
  • Kommentar
  • Podcast

Dritte Anmerkung zu Goethe

Erschienen: 9. August 2021
Georg Melchior Kraus, Szene aus Iphigenie auf Tauris mit Corona Schroeter in der Titelrolle und Goethe als Orest (Goethe Nationalmuseum, Weimar)

Konfrontation mit der Wirklichkeit

Goethes >Iphigenie< singt das Hohelied der Humanität. Nichts Geringeres wird im Stück verhandelt als die Abschaffung des Menschenopfers, ein für die Geschichte der Spezies entscheidender Schritt. Goethe datierte ihn ins griechische Altertum. Seine Vorlage freilich – das Drama des Euripides – wandelte sich unter seiner Feder von einer bloßen Fluchtgeschichte, in der Titelfigur, Bruder samt Gefährten und Götterbild der Diana aus dem Barbarenland der Taurer entkommen, in einen empfindsam getönten Diskurs der Aufrichtigkeit und wechselseitigen Schonung, aus dem der die Krim regierende skythische Barbarenkönig Thoas dank der mitfühlenden Argumentationsstärke der Titelheldin als aufgeklärter Herrscher hervorgeht.

Zeitweilig drohte dem Dichter Schreibhemmung. Die Not zahlreicher Untertanen Herzog Karl Augusts im 20 Kilometer östlich von Weimar gelegenen Apolda schrie zum Himmel. Eine Dienstreise dorthin führte Goethe die unhaltbaren Zustände vor Augen. Zu dichterischer Produktivität musste er sich zwingen. Am 6. März 1779 schreibt er an Charlotte von Stein: „Hier will das Drama gar nicht fort, es ist verflucht, der König von Tauris soll reden als wenn kein Strumpfwürcker in Apolda hungerte.“

Apolda hatte es zu einiger Bedeutung in der Textilproduktion gebracht. Bis zu 500000 Paar Strümpfe wurden im sachsen-weimar-eisenach-jenaischen Landstädtchen jährlich gefertigt. Nun aber lagen von den 780 ansässigen Strumpfwirkerstühlen beinahe 100 still. Goethe führte dies auf den Einbruch von Absatzmärkten infolge des sich zusammenbrauenden bayerischen Erbfolgekriegs zurück. Mindestens hinzu kommt indessen die Lohndrückerei durch die örtlichen Unternehmer. Diese >Verleger< (so die Berufsbezeichnung) stellten für die in häuslicher Arbeit produzierte Maschenware den Wirkstuhl samt Wolle oder Seide zur Verfügung. Strumpfwirkern, die Dumpinglöhne nicht hinnahmen, ließen die Verleger den Wirkstuhl aus dem Haus entfernen.

Die Konstellation in Apolda glich in etwa jener, die Gerhart Hauptmann etwa 120 Jahre später in >Die Weber< schildert. Doch war an Aufstand wie dann in Schlesien im Thüringen des ausgehenden 18. Jahrhunderts, zehn Jahre vor Ausbruch der Französischen Revolution, nicht zu denken.

Ebenso wenig für Goethe daran, ein soziales oder gar naturalistisches Drama zu schreiben. Zwar enthielt der >Goetz< einige Szenen, die auf lange Sicht dorthin weisen konnten, doch Goethes Auffassung von seiner höfischen Stellung und zudem sein eigener poetischer Weg, der in Richtung dessen zielte, was einmal Weimarer Klassik heißen sollte, schlossen das Elend der Strumpfwirker im Drama oder sonstiger Dichtung darzustellen aus.

>Iphigenie< anlangend, heißt das für Nachgeborene: „Nimm sie oder lasse sie.“ Es empfiehlt sich, sie zu nehmen. Unter Vorbehalt.

Apolda, Rathaus mit Marktplatz

Vorheriger Beitrag
Zweite Anmerkung zu Goethe
Nächster Beitrag
Vierte Anmerkung zu Goethe

Neueste Beiträge

Bühne

E.T.A. Hoffmann zum 250. Geburtstag. 2. Lieferung

Erschienen: vor 6 Tagen

Anfang April 1809 engagiert Theaterchef Cuno Hoffmann als Spielleiter der Oper. Für nur fünf Tage. Der Impresario ist bankrott…

Bühne

E.T.A. Hoffmann zum 250. Geburtstag. Dem Auftakt folgend die 1. Lieferung

Erschienen: vor 1 Monat

Als Hoffmann am ersten September 1808 in Bamberg eintrifft, hatte von Soden die Stadt verlassen, um das Würzburger Theater zu…

Bühne

E.T.A. Hoffmann zum 250. Geburtstag. Auftakt

Erschienen: vor 1 Monat

Wäre der Regierungsrat Hoffmann vor seiner Ankunft im Bamberg des Jahres 1808 gestorben, der Zweiunddreißigjährige würde ein allenfalls…

Kuratierte Beiträge

LONDON REVIEW OF BOOKS

Erschienen: vor 2 Monaten
Der frühe Kouros im New Yorker Metropolitan Museum of Arts ist eine Inkunabel griechisch-archaischen Menschenbildens. Timothy James Clark widmet dem faszinierenden Werk einen Essay. Lesen Sie hier: www.lrb.co.uk/the-paper/v47/n23/t.j.-clark/a-kouros-at-the-met
Kuratierte Beiträge

MADAF

Erschienen: vor 2 Monaten
Avishai Platek hat einen opulenten Bildband über die Laternen in den Kibbuzim geschaffen. Wo man bislang ausschließlich Verstand und Fleiß am Werk dachte, leuchtet unvermittelt Poesie auf. Lesen…

Kategorien

Kuratierte Beiträge 69

Bühne 32

Kunst & Architektur 13

Politik & Gesellschaft 9

Buch 7

Kommentar 6

Reise 5

Tipp 5

Kaminski liest 4

Groß in Form 1

KURATIERTE BEITRÄGE

LONDON REVIEW OF BOOKS

Erschienen: 14 Jan. um 12:41 Uhr
Der frühe Kouros im New Yorker Metropolitan Museum of Arts…
Beitrag lesen

MADAF

Erschienen: 14 Jan. um 12:36 Uhr
Avishai Platek hat einen opulenten Bildband über die Laternen in…
Beitrag lesen

WALLSTEIN VERLAG

Erschienen: 14 Jan. um 12:32 Uhr
Ob die gegenwärtigen Epochalisierungsmodelle durch neue ersetzt werden sollten, das…
Beitrag lesen

JOURNAL OF HISTORIANS OF NETHERLANDISH ART

Erschienen: 14 Jan. um 12:27 Uhr
Das Roundtable-Gespräch verständigt sich über Rang und Bedeutung niederländischer Künstlerinnen…
Beitrag lesen

DOMUS

Erschienen: 14 Jan. um 12:08 Uhr
Die Maxentius-Basilika auf dem Forum Romanum ist ein Hauptwerk spätantiker…
Beitrag lesen

MONOPOL

Erschienen: 2. Juli 2025
Jordan Wolfson möchte künstlerischen Mehrwert aus dem Tausch virtueller Realitäten…
Beitrag lesen

CONCERTI

Erschienen: 2. Juli 2025
Michael Kaminski bespricht Gija Kantschelis Unheil vorausahnende und das Gemüt…
Beitrag lesen

TRANSCRIPT VERLAG

Erschienen: 2. Juli 2025
Das Verlagshaus baut immer wieder auf Open Source. Wunderkammern warten…
Beitrag lesen

HARPER’S MAGAZINE

Erschienen: 2. Juli 2025
Dean Kissicks Essay über die zeitgenössische Kunst hat das Zeug…
Beitrag lesen

BACHMANN-PREIS

Erschienen: 2. Juli 2025
Auch wenn die Siegespalme bereits vergeben wurde, bleibt die Lektüre…
Beitrag lesen

Kontakt

info@kultur-kaminski.de

Rechtliches

Impressum
Datenschutz

 

© 2026 Copyrights by Michael Kaminski. All rights reserved.

 

Diese Website verwendet Cookies, um Ihr Nutzungserlebnis zu verbessern. Wenn Sie die Seite weiterhin nutzen, stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu.