Jüdisches Tagesdatum:
6 Elul 5785

(30/08/2025)

  • Bühne
  • Buch
  • Reise
  • Kunst & Architektur
  • Politik & Gesellschaft
  • Kommentar

Machtgeschützte Urbanität

Erschienen: 27. November 2019
Mailand Dom

Theater, Kathedralen und Weihnachtsmärkte unter dem Schutz der Waffen

Vor kurzem war ich in der Mailänder Scala. Mit unnachahmlicher Lässigkeit, doch im Gesamteindruck dienstlich, standen fünf Carabinieri in lockerer Konversation davor. Als ich das Haus nach mehr als drei Stunden verließ, schien sich nichts am Bild geändert zu haben. Ich war versucht, an eine hyperrealistische Skulpturengruppe zu denken. Die Kontrollen vor dem Mailänder Dom sind ungleich schärfer. Der personalintensive Wachdienst scannt die Besucher. Die Sicherheitsleute tragen Pistolen.

Mailand Scala

Ich bin nicht versucht, einen Musentempel mit einem Gotteshaus zu verwechseln und die Kunstreligion des >Parsifal< nehme ich nur für die Dauer der Aufführung bei Wort und Ton. Eben das nötigte mich zu der Frage, ob die Einlasskontrollen vor der drittgrößten Kirche der Christenheit nicht zu weit gehen. Schon, dass gewöhnliche Besucher des Gottesdienstes zur Verleihung des Aachener Karlspreises die Pässe vorzeigen müssen, stößt mir auf. Die Güterabwägung zwischen Sicherheitsbelangen und dem ungehinderten Besuch eines Gotteshauses berührt das religiöse wie zivilisatorische Selbstverständnis.

Denn so begreiflich es ist, Orte, an denen sich viele hunderte oder gar tausende Besucher friedlich und ohne Waffen versammeln, angesichts der terroristischen Bedrohungslage zu sichern, so unzweifelhaft müssten – wenn keine akute Anschlagsgefahr vorliegt – Stätten religiöser Verehrung von bewaffneten Zugangskontrollen befreit sein. Rede keiner von fehlender Frömmigkeit und allein touristischer Neugier. Denn wie immer dem sei, Waffen und Religion gehören niemals zueinander. Dass aber Theaterbesucher hinsichtlich mitgeführter Messer, Schießprügel, und Sprengstoff gescannt werden, geht an.

Mehr jedenfalls, als künstlerisch in die Knie zu sinken und die Produktionen selbst etwelchem Dräuen zu unterwerfen. Wenn ich im benachbarten Ausland unterwegs bin, nehme ich wahr, wie anders als die Deutschen sich etwa Italiener und Franzosen die wehrhafte Demokratie vorstellen. Tarnanzüge und Maschinenpistolen sind in Innenstädten, auf Bahnhöfen und in Flughäfen die Regel. Die Besucher des Strasbourger Weihnachtsmarktes stören sich nicht daran. Wer einwendet, eben der Anschlag auf die Besucher der >Capitale de Noél< vor einem Jahr beweise die Wirkungslosigkeit von Polizei- und Militärpatrouillen durch die Innenstädte, liegt richtig, wenn der Täter – wie das in Strasbourg der Fall war – dort geboren wurde und mit Unterschlupfmöglichkeiten in der verwinkelten Altstadt von Jugend an vertraut ist.

Ich war während des Anschlags in der Stadt und habe meine Erlebnisse geschildert (ORPHEUS 2/19). Völlige Sicherheit kann niemand gewährleisten. Wer sie verspricht, ficht die Demokratie an und ist auf den totalitären Staat aus. Wo aber dem bewaffneten Sicherheitsapparat Grenzen setzen? Zwei Kriterien immerhin gewann ich. Zunächst: Waffen haben bei der regulären Einlasskontrolle an Kirchenportalen nichts verloren. Nirgendwo. Sodann: Militärstreifen ergeben Sinn in Italien und Frankreich, in deutschen Innenstädten verbieten sie sich aus historischen Gründen. Freiheit und Sicherheit gegeneinander abzuwägen, fordert ganz außerordentliches politisches Taktgefühl. Notwendig aber ist das von Land zu Land unterschiedlich beschaffen. Übereinstimmungen inbegriffen.

Meine Besprechung der >Ägyptischen Helena< in der Mailänder Scala ist in ORPHEUS 1/20 erschienen.

Vorheriger Beitrag
Prolog zu ORPHEUS.EURYDIKE
Nächster Beitrag
Positives Vorurteil als Vorverurteilung

Neueste Beiträge

Kunst & Architektur

Kritische Besichtigung der Lateranbasilika. Schluss

Erschienen: vor 3 Tagen

Das Querhaus der Lateranbasilika genießt einen hohen Grad von Autonomie. Fast darf es als selbstständiges Kirchengebäude gelten. Seit der ausgehenden Renaissance…

Kaminski liest

Dietmar Dath: Deine Arbeit hasst dich, weil sie dich nicht braucht. Eine Übung in digitalem Dämonenfaschismus. In: Theater der Zeit. April 2025. S.45-60.

Erschienen: vor 2 Monaten

In der Welt des im Februar beim Augsburger Brechtfestival uraufgeführten Stücks besteht Herrschaft im Datenakkumulieren und Verarbeiten. Menschen mästen sich mit Informationen, um Oberhand zu behalten. Vergeblich. Längst haben die von ihnen erschaffenen Clouds sich zu Künstlicher Intelligenz…

Kuratierte Beiträge

MONOPOL

Erschienen: vor 2 Monaten
Jordan Wolfson möchte künstlerischen Mehrwert aus dem Tausch virtueller Realitäten ziehen. Das Unternehmen ist gespenstisch. Lesen Sie hier: www.monopol-magazin.de/jordan-wolfson-vr-installation-little-room-fondation-beyeler
Kuratierte Beiträge

CONCERTI

Erschienen: vor 2 Monaten
Michael Kaminski bespricht Gija Kantschelis Unheil vorausahnende und das Gemüt packende Oper „Musik für die Lebenden“ am Theater Bonn. Lesen Sie hier: https://www.concerti.de/oper/opern-kritiken/theater-bonn-musik-fuer-die-lebenden-15-6-2025/
Kuratierte Beiträge

TRANSCRIPT VERLAG

Erschienen: vor 2 Monaten
Das Verlagshaus baut immer wieder auf Open Source. Wunderkammern warten mit einer der Postpostmoderne verwandten Ordnung auf. Lesen Sie hier: https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-7559-7/wunderkammern-als-kuenstlerische-praxis/?c=310000017

Kategorien

Kuratierte Beiträge 64

Bühne 30

Politik & Gesellschaft 14

Kunst & Architektur 13

Buch 7

Reise 7

Kommentar 5

Tipp 3

Kaminski liest 2

KURATIERTE BEITRÄGE

MONOPOL

Erschienen: 2 Juli um 18:57 Uhr
Jordan Wolfson möchte künstlerischen Mehrwert aus dem Tausch virtueller Realitäten…
Beitrag lesen

CONCERTI

Erschienen: 2 Juli um 18:51 Uhr
Michael Kaminski bespricht Gija Kantschelis Unheil vorausahnende und das Gemüt…
Beitrag lesen

TRANSCRIPT VERLAG

Erschienen: 2 Juli um 18:36 Uhr
Das Verlagshaus baut immer wieder auf Open Source. Wunderkammern warten…
Beitrag lesen

HARPER’S MAGAZINE

Erschienen: 2 Juli um 18:15 Uhr
Dean Kissicks Essay über die zeitgenössische Kunst hat das Zeug…
Beitrag lesen

BACHMANN-PREIS

Erschienen: 2 Juli um 17:59 Uhr
Auch wenn die Siegespalme bereits vergeben wurde, bleibt die Lektüre…
Beitrag lesen

THE JERUSALEM POST

Erschienen: 5 Juni um 13:14 Uhr
Ein spätantikes Mosaik aus der Negev-Wüste widerlegt die Klischees von…
Beitrag lesen

THE GUARDIAN

Erschienen: 5 Juni um 12:56 Uhr

Die Literatur der jungen Britin Sara Sams greift mitten hinein ins volle Leben…

Beitrag lesen

NACHTKRITIK

Erschienen: 5 Juni um 12:41 Uhr

In seinem Essay fragt Nicola Bremer nach der gesellschaftlichen Konsequenz eines Theaters…

Beitrag lesen

JÜDISCHE ALLGEMEINE

Erschienen: 5 Juni um 12:17 Uhr

Thomas Mann empfand sich als Freund jüdischer Menschen. Ob diese aber…

Beitrag lesen

ARCHÄOLOGISCHER ANZEIGER

Erschienen: 5 Juni um 12:05 Uhr

Manche seiner Periodika stellt das Deutsche Archäologische Institut zum offenen Zugang…

Beitrag lesen

Kontakt

info@kultur-kaminski.de

Rechtliches

Impressum
Datenschutz

 

© 2025 Copyrights by Michael Kaminski. All rights reserved.

 

Diese Website verwendet Cookies, um Ihr Nutzungserlebnis zu verbessern. Wenn Sie die Seite weiterhin nutzen, stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu.