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Zweifelhafter Dienst an guter Sache

Erschienen: 16. Februar 2020
Wewelsburg, von außen
Wewelsburg2010.jpg: Tbachner, Lizenz: CC BY-SA 3.0 DE

Wenn sich der Museumsführer im Ton vergreift

Vor Zeiten machte mich ein Freund mit dem juristischen Grundsatz bekannt, wonach es >kein Recht im Unrecht< gibt. Bei einem Besuch der im Paderbornischen gelegenen >Erinnerungs- und Gedenkstätte
Wewelsburg 1933-45< kam mir das Freundeswort in den Sinn, als ich mit anhörte, wie einer der dortigen Erklärer sich gegenüber der Gruppe, die er durchs Haus begleitete, zu Tiraden verstieg, die – in der Wahl der demagogischen Mittel – wie dem >Stürmer< entnommen schienen. Denn auch unter antifaschistischen Vorzeichen bleibt Demagogie Unrecht. Es gibt kein Recht im Unrecht.

Zum besseren Verständnis und der Reihe nach: Die Paderborner Fürstbischöfe errichteten die 20 Kilometer südlich ihrer Hauptstadt gelegene Wewelsburg zu Beginn des 17. Jahrhunderts als >festes Schloss<. Architektonisch nur sparsam gegliedert, imponiert die einst landesherrliche Nebenresidenz durch ihre Höhenlage, die Massivität ihrer Dreiecksgestalt und die Rundtürme in den Winkeln. Der nördliche im Scheitelpunkt der Anlage übertrifft die beiden anderen an Durchmesser und machtvoller Erscheinung. Anfang des 19. Jahrhunderts brannte er aus und blieb Ruine, bis er ins Zentrum
von Heinrich Himmlers Wewelsburgprojekt rückte. Der oberste SS-Scherge war Anfang Januar 1933 während seines Aufenthalts im für die braune Propaganda hoch bedeutsamen Landtagswahlkampf im Freistaat Lippe, bei dem er auf dem Boden des germanischen Siegs über die Römer mental im Hermanns- und Cheruskermythos badete, auf die trutzige Immobilie hingewiesen worden. Himmler erwarb sie, um
dort ein Tagungszentrum für die höchsten SS-Chargen samt neuheidnischer Kultstätte einzurichten. In voll ausgebautem Zustand war im Dreiviertelkreis um den klotzigen Schlossbau eine komfortable Kleinstadt für SS-Paladine vorgesehen, von der Himmler noch kurz vor dem Zusammenbruch ein Architekturmodell anfertigen ließ.

Himmler bei einer Besprechung im Jahr 1938. Über ihm ein Ölgemälde der Wewelsburg.
Bundesarchiv, Bild 183-R98680, Lizenz: CC BY-SA 3.0 DE

Nahebei befahl der Bauherr ein KZ mit angeschlossenem Krematorium errichten. Dreieinhalbtausend Arbeitssklaven sind dort nachgewiesen. Mehr als die Hälfte der Insassen fiel den mörderischen Bedingungen auf der Baustelle zum Opfer.

Zum okkult dräuenden Sanktuarium der Totenkopfbande erkor Himmler den wuchtigen Nordturm der Schlossanlage. Saniert und im Inneren vom Leibarchitekten des SS-Chefschergen Hermann Bartels den pseudoreligiösen Bedürfnissen seines Herrn und Meisters angepasst, imitiert das Untergeschoss
die Kuppeln mykenischer Königsgräber. Offenbar war der gruftartige Raum für den Kult um Verstorbene vorgesehen. Vermutet wird, hier sollten die Urnen der höchsten SS-Funktionäre beigesetzt werden.

Über der neuheidnischen Krypta erhebt sich der sogenannte Obergruppenführersaal. In scheußlicher Rohheit verballhornen seine Arkaden das Innere des Gralstempels, wie das Bühnenbild der Bayreuther
Parsifal-Uraufführung das Heiligtum imaginierte. Doch steht auf der Wewelsburg kein Altar inmitten. In den Fußboden eingelassen ist ein radartiges Sonnensymbol, dessen schwarzen Speichen sich bequem Hakenkreuzsegmente und SS-Runen assoziieren lassen. Neubraune führen das finstere Sonnensymbol im
Bildrepertoire.

Der Nazigral gebot seiner durch Himmler statt den Heiligen Geist beglaubigten Ritterschaft nicht, der Belegschaft von Montsalvat nachzufolgen, um als Inbegriff christlicher Nächstenliebe zu Rettungstaten in
die Welt zu ziehen; die Totenkopfbande sann auf Sinistres: Rassenkampf und Vernichtung.

Die Schlächter waren unglaubliche Spießer. In die Wände sind – unübersehbar – Nischen für Heizkörper eingelassen. Mordsgemütlich, diese Gralsburg.

Das Abscheuliche des Ortes spricht für sich. Schwülstige Kommentare und Demagogie verharmlosen, was auf der Wewelsburg geschah.

Jener Erklärer freilich, von dem ich anfangs sprach, ließ sich zur sogenannten Rassenlehre der Braunen wie folgt ein: Die körperlichen Merkmale der Protagonisten widersprächen denen des vorgeblich arischen
Menschen. Der Mann verwies auf Hitlers wie Himmlers schmächtige Erscheinung, den Goebbelsschen Klumpfuß, den vom Drogenkonsum aufgeschwemmten Morphinisten Göring. Der Erklärer, der sich als im Hauptberuf Lehrer vorstellte, wörtlich: >Alle ab ins KZ!<

Mir standen die Haare zu Berge. Nicht des völlig legitimen Hinweises mangelnder physiognomischer Übereinstimmung von Nazigrößen mit den von ihnen propagierten rassischen Merkmalen halber. Den Vergleich aber ins Hetzerische umzumünzen und seinerseits mit der Forderung nach Einweisung ins KZ
die zivilisatorischen Schranken einzureißen, darf zu keiner Zeit und nirgendwo geschehen. Geschweige an einem Ort des Gedenkens an die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrscher.

Wer trachtet, den Teufel mit Beelzebub auszutreiben, hat sich längst mit dem Höllenpack eingelassen. 

Ort, an dem die Zivilisation Trauer trägt, darf auf der Wewelsburg Demagogie keinen Platz haben. Es gibt kein >Recht im Unrecht<.

Link zur Gedenkstätte

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