Jüdisches
Tagesdatum:

28 Nisan 5786

(15/04/2026)

  • Bühne
  • Buch
  • Reise
  • Kunst & Architektur
  • Politik & Gesellschaft
  • Groß in Form
  • Kommentar
  • Podcast
  • Videos

Das Land der Deutschen suchen

Erschienen: 1. Mai 2024
Münchner Olympiastadion. Bei den Spielen 1972 Ort der Weltoffenheit und Lebensfreude. Bis zum PLO-Anschlag. Foto: ttimi27

Zwischen Leitkultur und Minimalkonsens

Der Entwurf für das Programm der Christlich Demokratischen Union verrenkt sich bis zur peinlichen Groteske, wenn es gilt, Position gegenüber jenen Angehörigen des Islam zu beziehen, denen sich nach eigenem Bekunden der Pfahl der freiheitlichen Gesellschaft ins religiöse Befinden bohrt. Das Geschraubte gleichermaßen der verworfenen und der von der Programmkommission approbierten Formulierung leitet sich aus dem hinter ihr lauernden und vom Parteivorsitzenden favorisierten Begriff der „deutschen Leitkultur“ ab. Der Terminus ist fatal. Parteipolitisch instrumentalisiert, taugt er zu wenig mehr als zur Giftspritze. Seine des Deutschen entkleidete Herkunft aus der Politologie freilich ist untadelig. Vor einem Vierteljahrhundert brachte ihn Bassam Tibi in die Debatte ein. Tibi versteht unter „Leitkultur“ einen europäischen common sense auf Basis von Menschenrechten, Demokratie, Aufklärung, Zivilgesellschaft und Laizismus.

Während sich Mitwohnende durchaus auf die von Tibi postulierten Grundsätze verpflichten lassen müssen, wenn sie sich einem von Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit grundierten Gemeinwesen zugesellen möchten, stimmt die Forderung, eine „deutsche Leitkultur“ zu bekennen, misstrauisch. Unweigerlich liefe solche Konfession auf einen Katechismus des Deutschtums hinaus. Gleich, ob auf einen großen oder kleinen, in jedem Fall einen ähnlich verzichtbaren wie die weltanschaulichen Prüfungen, denen einst den Dienst mit der Waffe Ablehnende unterzogen wurden. Deutschsein lässt sich nicht examinieren, nur leben. Ob Menschen europäischer oder überseeischer Herkunft, von der Erde oder einem Exoplaneten darauf sinnen, an Deutschland mitzuwirken, bleibt sich gleich. Willkommen ihnen allen.

Weder Diktat noch Sparflamme

Doch wird die Verbindlichkeit unter den Mitwohnenden auf die Sprache zu beschränken niemandem gerecht. So befindet sich denn die vormalige Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration im Charakter einer Staatsministerin im Bundeskanzlerinnenamt und gegenwärtige Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags völlig auf dem Holzweg, wenn sie des Landes Eigentümlichkeit auf Vokabular und Grammatik reduziert. Zumal des Hohen Hauses stellvertretende Vorsitzende Sprache lediglich als pragmatisches Verständigungselement zur Alltagsbewältigung meint. Kein Idiom dieser Welt aber wird dergestalten Minimalismus klaglos erdulden. Daher greifen beide Positionen zu kurz, die auf den allergeringsten gemeinsamen Nenner gekappte nicht anders als die Dekretierung einer „deutschen Leitkultur.“ Denn jene reduziert das Leben in Deutschland aufs bloße Funktionieren, während diese auf Gesinnungsschnüffelei hinausläuft.

Gründe, die im Land halten

Dennoch ist ein identifikatorisches Moment vonnöten. Niemand darf vorschreiben, worin es besteht. Was das Leben in Deutschland und mit Deutschen schätzbar gestaltet, muss jede und jeder für sich entdecken. Gleichermaßen gilt das für Indigene und Migranten. Daher kann ich nur ausführen, welche Aktivposten mich subjektiv für Land und Leute einnehmen. Zunächst: Mir behagt, in einem Bundesstaat zu leben. Deutschland hat keine Zentralstaatsgeschichte. Obschon oft gescholten, ist die Föderation aus Stadtrepubliken und Territorien aufs Ganze gesehen ein Gewinn. Deutschland verdankt ihr neben vielem anderen seine immer wieder bestaunte Theater- und Museumslandschaft. Sodann: Der prächtige Kirschbaum im elterlichen Garten im Verein mit des Hamburgischen Aufklärungsdichters Barthold Heinrich Brockes‘ Poem „Kirschblüte bei der Nacht“. In Betracht der Wissenschaft: Ich lobe mir das „Grimmsche Wörterbuch“, jenes von Jacob und Wilhelm Grimm 1838 begonnene und beinahe anderthalb Jahrhunderte nach der Brüder Tod in der Erstausgabe 1971 abgeschlossene germanistische Großprojekt, das gar während der deutschen Teilung kollegial von Ost und West fortgesetzt wurde.

Gemeinschaftserlebnisse anlangend, spricht ein mentaler Erinnerungsort wie die Fröhlichkeit und Weltoffenheit bei den Olympischen Spielen von 1972, ehe der palästinensische Terror zuschlug, für Land und Leute. Unbeschwerter noch zeigten sich die Deutschen bei der Fußballweltmeisterschaft von 2006, dieser Huldigung an die „Leichtigkeit des Seins“. – Mir, der einige Jahre im Oberen Mittelrheintal gelebt hat, kommen ferner Weinberge und – je nach Gelegenheit – sauberer bis ambitionierter Riesling in den Sinn. Der lässt Heines „Lore-Ley“ ertragen und weckt die lebhaften Bilder seiner „Zwei Brüder“. Zuweilen legt sich der Schatten von Heines fragmentarischer Erzählung „Der Rabbi von Bacherach“ darüber.

Fündig werden aus freien Stücken

Meine Auswahl entspricht persönlichen Neigungen, ist unvollständig – Musik, Bildende Kunst und Architektur blieben außen vor – und nicht allein von daher fern allen Anspruchs auf Repräsentativität. Sie will sich keiner und keinem aufdrängen. Nur empfehle ich denen, die hier Wurzeln schlagen möchten, nach kulturellen und gesellschaftlichen Vorzügen Ausschau zu halten, an die sich andocken lässt. Nach etwas, wofür sich zu bleiben lohnt. Noch einmal: Parteiprogramme oder gar Gesetze werden wenig fruchten, die innere Bereitschaft entscheidet.

Vorheriger Beitrag
Lothringischer Finanzplatz
Nächster Beitrag
Die Freiheit will nicht länger privatisieren

Neueste Beiträge

Tipp

Denkmal für den Meininger Theaterherzog

Erschienen: vor 8 Stunden

In Meiningen ist Georgsjahr. Bis heute zeigt sich das einstige Residenzstädtchen vom Theater geprägt. Dank Georg II. (1826 bis…

Kaminski liest

Salzmann, Sasha Marianna: Danja, mein dementes Jahrhundert. Frankfurt a.M. 2025

Erschienen: vor 10 Stunden

Die kleine, aber durchaus mit Forderndem für sich einnehmende Buchhandlung „in“ der Mecklenburgischen Seenplatte ließ…

Kuratierte Beiträge

KUNSTGESCHICHTE

Erschienen: vor 1 Tag
Benjamin Thum geht in der Regensburger Online-Zeitschrift den italienischen Einflüssen auf das Werk Gerhard Richters nach. Lesen Sie hier: www.kunstgeschichte-ejournal.net/631/
Kuratierte Beiträge

VOLLTEXT

Erschienen: vor 1 Tag
Der Auszug aus dem neuen Roman des Autors lässt einen vom ersten Weltkrieg verschonten jungen Mann auf drei kriegsversehrte Altersgenossen treffen. Lesen Sie hier: www.volltext.net/texte/norbert-gstrein-im-ersten-licht/
Kuratierte Beiträge

GRÜNE BUNDESTAGSFRAKTION

Erschienen: vor 1 Tag
Der Antrag auf Förderung der Muslime in Deutschland ist ein Wolpertinger aus längst Erfordertem und blühendem Unfug. Lesen Sie hier: https://dserver.bundestag.de/btd/21/042/2104291.pdf

Kategorien

Kuratierte Beiträge 74

Bühne 33

Kunst & Architektur 13

Politik & Gesellschaft 10

Buch 7

Kommentar 6

Tipp 6

Kaminski liest 5

Reise 5

Groß in Form 1

KURATIERTE BEITRÄGE

KUNSTGESCHICHTE

Erschienen: 13 Apr. um 20:37 Uhr
Benjamin Thum geht in der Regensburger Online-Zeitschrift den italienischen Einflüssen…
Beitrag lesen

VOLLTEXT

Erschienen: 13 Apr. um 20:35 Uhr
Der Auszug aus dem neuen Roman des Autors lässt einen…
Beitrag lesen

GRÜNE BUNDESTAGSFRAKTION

Erschienen: 13 Apr. um 20:34 Uhr
Der Antrag auf Förderung der Muslime in Deutschland ist ein…
Beitrag lesen

JÜDISCHE ALLGEMEINE

Erschienen: 13 Apr. um 20:32 Uhr
Die aus der Ukraine nach Deutschland geflüchtete Schriftstellerin Iryna Fingerova…
Beitrag lesen

CONCERTI

Erschienen: 13 Apr. um 20:26 Uhr
Markus Lüpertz bestückt Wagners „Rheingold“ mit seiner die boshafte Komödie…
Beitrag lesen

LONDON REVIEW OF BOOKS

Erschienen: 14 Jan. um 12:41 Uhr
Der frühe Kouros im New Yorker Metropolitan Museum of Arts…
Beitrag lesen

MADAF

Erschienen: 14 Jan. um 12:36 Uhr
Avishai Platek hat einen opulenten Bildband über die Laternen in…
Beitrag lesen

WALLSTEIN VERLAG

Erschienen: 14 Jan. um 12:32 Uhr
Ob die gegenwärtigen Epochalisierungsmodelle durch neue ersetzt werden sollten, das…
Beitrag lesen

JOURNAL OF HISTORIANS OF NETHERLANDISH ART

Erschienen: 14 Jan. um 12:27 Uhr
Das Roundtable-Gespräch verständigt sich über Rang und Bedeutung niederländischer Künstlerinnen…
Beitrag lesen

DOMUS

Erschienen: 14 Jan. um 12:08 Uhr
Die Maxentius-Basilika auf dem Forum Romanum ist ein Hauptwerk spätantiker…
Beitrag lesen

Kontakt

info@kultur-kaminski.de

Rechtliches

Impressum
Datenschutz

 

© 2026 Copyrights by Michael Kaminski. All rights reserved.

 

Diese Website verwendet Cookies, um Ihr Nutzungserlebnis zu verbessern. Wenn Sie die Seite weiterhin nutzen, stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu.