
Zwei Szenen aus der Lesekomödie von Victor Stein
I,8
(Die Bühne ist leer.)
KLAUS FRITZ: Dieser Ton. Raumgreifend, aber nicht aufdringlich. Satt, aber ohne Überfluss. Voller Empfindung, nicht sentimental. Rund, doch nicht bloß gefällig. Der Ton ist Alpha und Omega. Wem der Ton fehlt, mag spielen, wie er will, er wird kein wirklich
Bedeutender werden können. Größe muss der Ton haben, keine Überheblichkeit, kein Renommieren, wahre Größe. Kraft gehört dazu, Kraft ohne Protzerei. Der hier spielte, hat alles das. Nichts fehlt. Meine Güte, wie oft habe ich diese Aufnahme schon gehört, darauf gewartet, darauf gelauert, erhofft, ich würde etwas finden, an dem sich deuteln ließe.
Nichts. Nichts. Stattdessen entdecke ich bei jedem neuen Abspielen wahrhaft unerhörte Schönheiten. Ich habe den Mann auch auf dem Konzertpodium erlebt, in der Berliner Philharmonie. Ich saß ganz vorn, ihm unmittelbar gegenüber, gab Acht auf sein Spiel, als sei ich Detektiv und schaute einem des Diebstahls Verdächtigen auf die Finger, jederzeit in Erwartung des Delikts. Der damals und wohl für ewig Größte besaß die Nerven, nicht allein die unglaublich fordernden Passagen zu bewältigen, sondern auch das Auditorium zu beobachten. Ich fiel ihm ins Auge. Er blickte mich an, nahm mich merklich wahr. Scharf und durchdringend fokussierte er sich auf mich durchaus Geringen unter seinen Zuhörern. Die hürdenreichste Strecke des Konzerts dräute.
Während der Unvergleichlichste der Unvergleichlichen sie meisterte wie niemand zuvor oder seither, fixierte mich sein Blick mit Hammer und Nägeln. Ich bilde mir nicht ein, dass er in diesem Moment nur für mich spielte, sicher nicht; gewiss aber in erster Linie. Mich durchfuhr ein Schrecken, indem mir blitzartig aufging, was ich vorher nur erahnt hatte. Künftig wusste ich, Schönheit ist keine abstrakte Idee, sondern ein lebendiges Wesen. Das uns Menschen liebt. Und sich mit uns vereinigen möchte. Mit dem, was wir Seele nennen. Auch mit unserem Leib. – Es gibt Augenblicke, die für das ganze Leben prägen. Der in der Berliner Philharmonie gehörte dazu. Ich begegnete einem Künstler, dem sein daimon gebot. Der Rest ist in diesem Fall Schweigen.
II,1
(Hausmeisterloge.
KLAUS FRITZ: Wir wurden geschlachtet. Unter Rücksichtnahme auf das Tierschutzgesetz. Wie allem Schlachtvieh, verabreichte man deshalb auch uns eine Betäubung vor dem tödlichen Stich, der uns ausblutete. Das Narkotikum hieß Abfindung. Die sich als Zahl und Betrag recht ordentlich ausnahm. Und viele meiner Kolleginnen und Kollegen mindestens ruhigstellte. Strichen sie doch ein Sümmchen ein, das ihnen vortäuschte, den Verlust des Arbeitsplatzes sozialverträglich, ja sogar komfortabel, abzufedern. Die Mehrheit im Orchester betrachtete die Abfindung daher als Startgeld in die Zukunft. Aber nachdem sich die Steuer bedient hatte, erschienen die Aussichten nicht länger gar so rosig. Einige der Jüngeren kamen tatsächlich in anderen Klangkörpern unter. Die Mittelalten und Älteren mussten schmerzlich erfahren, dass sie nicht einmal zum Vorspiel eingeladen wurden. Sie verdingten sich mit befristeten Verträgen an Musikschulen oder hielten sich mit privatem Unterricht auf ihrem Instrument kaum leidlich über Wasser.
Nur wenige von uns pochten auf ihrem Recht, von der Stadt weiterbeschäftigt zu werden. Die Stellenangebote empörten. Wenige ließen sich darauf ein, versahen künftig subalterne Dienste als Politesse oder in der Registratur. Ich wurde Hausmeister. Wie jene Posten, die meine Kollegen antraten, kein Ausbildungs-, sondern ein Anlernberuf. Ich hätte jede Stelle angenommen. Für nichts wäre ich mir zu schade gewesen. Sie kennen das berühmte Foto eines Erwerbslosen aus der Zeit der großen Depression nach dem New Yorker Börsenkrach von 1929? Ein Mann, korrekt im Anzug, ein Plakat um den Hals mit der Aufschrift „Suche Arbeit jeder Art“. Wie dieser Mann kam ich mir vor. Kräftigst hatte ich mich im Widerstand gegen die Auflösung des Orchesters ins Zeug gelegt. Man bot mir in voller Anerkennung meines Einsatzes eine Position, die ich rundweg hätte ausschlagen müssen, wäre noch ein trauriger Rest von Schamgefühl mein Eigen gewesen; die des Hausmeisters an dieser Schule. Dennoch akzeptierte ich die unsägliche Offerte. Später erfuhr ich, dass einige Leute im Personalamt sich schon bevor ich meine Arbeit aufnahm, händereibend ausgemalt hatten, wie ich an den neuen Herausforderungen scheitern würde.
Man wähnte mich binnen kürzester Frist abgeschreckt und aufgezehrt von den entwürdigenden Verrichtungen und banalsten – für einen Künstler aber unlösbaren – technischen Problemen. Zudem zerrieben zwischen Schulleitung, Stadtverwaltung, renitenten Reinigungskräften. Von den Schülern ob meiner Unbeholfenheit verspottet und gedemütigt. Kurz, man wettete darauf, dass ich bereits nach wenigen Tagen das Handtuch werfen würde. Die Voraussetzungen dazu waren allerdings gegeben. Als ich mich dem Schulleiter vorstellte, war dieser fassungslos über mein Ansinnen, die Ablehnung quoll ihm aus allen Poren. Während ich dabeistand, flehte er meine Vorgängerin an, ihn nicht zu verlassen. Ein empfindsameres oder von sich eingenommeneres Gemüt als das meine hätte verzweifelt oder wutschäumend den Rückzug angetreten. Ich aber hielt durch. An Demütigungen hatte ich mich mittlerweile gewöhnt, auch die gegenwärtige würde ich ertragen.
In der Evolution überlebt, wer sich am besten anpasst. Ich hatte nicht vor, unter die Räder zu kommen, sondern war fest entschlossen, die Stelle als Hausmeister professionell auszufüllen. Da ich es nicht schätze, mir sonderliche Blößen zu geben, hatte ich meiner Vorgängerin bereits seit vierzehn Tagen über die Schulter geblickt und war ihr zur Hand gegangen. Meinen guten Willen hatte ich also hinreichend dokumentiert. Dennoch blieb ich dem Schulleiter durch und durch suspekt. Zwar erkannte er an, dass ich mich bemühte, in die Hausmeistertätigkeit hineinzufinden, allerdings ohne dass ihm diese Einsicht Vertrauen in meine Fähigkeiten einflößte. Mangels Alternative willigte er missmutig in meine Zuweisung an seine Schule. Doch ging nicht allein sein Blick von meinem baldigen Rückzug aus. Der Schulleiter grüßte knapp und machte auf dem Absatz kehrt. Noch seine Rückansicht zeigte, wie wenig sein künftiger und – so mutmaßte er – wohl nur kurzfristiger Hausmeister ihm behagte. Ich hatte nicht damit gerechnet, mit offenen Armen empfangen zu werden. Ein Konzertmeister als Hausmeister; hätte ich die Situation von außen betrachtet, auch mir wäre solch sprunghafte Karriere gründlich verkehrt vorgekommen. Sei dem wie ihm sei, ich war zum Erfolg entschlossen.






