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Kulturminister auf Abruf

Erschienen: vor 3 Stunden
Kulturstaatsministerin a.D. Claudia Roth.
Foto: Nils Leon Brauer
Kulturstaatsminister Wolfram Weimer.
Foto: nn

Die Vorgängerin hatte Stallgeruch,
der gegenwärtige Amtsinhaber hat haut goût

Gut, die Solidaritätsbekundungen Kunstschaffender, deren modische Vorlieben, Habitus und politische Auffassungen jenen der Adressaten ihrer Parteinahme sonst ganz und gar widersprechen, scheinen denkbarste Liberalität zu beweisen. So auf der letzten Berlinale die Sympathiekundgabe von Filmleuten für die Palästinenser. Wenn darob Erzürnte sie auffordern, sich doch einmal nach Gaza zu begeben, perlt der Appell an ihnen ab. Eine Exkursion dorthin liegt ihnen fern. Doch obschon im ganzen Nahen Osten vor allem Israel Kunst- und Meinungsfreiheit, Homophilie und Genderfluidität eine Heimstatt bietet – prominent in Tel Aviv – ignorieren die propalästinensisch bewegten Kreativen dies geflissentlich. Der gegenwärtige Staatsminister für Kultur und Medien betrat daher auf der Berlinale vermintes Gelände. Des Regierungsvertreters Lavieren gegenüber der dem Antisemitismus ein Forum bietenden Festivalleiterin führte seine Schwäche vor aller Augen, eine lame duck. Angesichts der Querelen um die Verleihung des Deutschen Buchhandlungspreises war der Minister längst viel zu angeschlagen, um noch passable Figur machen zu können. Dass der Protest am Jahrestag der Befreiung der Häftlinge aus dem Konzentrationslager Buchenwald ihn in die Nähe des Faschismus rückte, war unhaltbar, unsäglich, gar schäbig. Wie aber der Minister am Rednerpult stand, bewies wenig Statur. Ein Amtsinhaber gleichsam auf Abruf.  

Gänzlich anders bewegte sich seine Vorgängerin durch ihr Ressort und ihr Publikum. Eine Mixtur aus Mütterlichkeit und Kumpanei tünchte der Ministerin Machtbewusstsein. Kapitale Fehler wie die Übergabe der Beninbronzen an Nigeria, wo die Bildwerke umstandslos in den Fängen der einstigen Königsfamilie landeten, gefährdeten ihre Stellung ebenso wenig wie die antisemitischen Umtriebe auf der letzten Kasseler Documenta. Das Regierungsmitglied konnte auf das Einverständnis Gleichgesinnter im Zeichen des Postkolonialismus bauen. Nigerianerinnen und Nigerianern sollte durch Rückerstattung vermeintlich widerrechtlich erworbener Kunst Genugtuung geschehen, den Palästinensern durch sich postkolonialistisch gebenden Documenta-Antisemitismus. Der Ministerin Beliebtheit in der Sphäre von Kunst und Kultur schrieb sich ganz wesentlich vom Stallgeruch der einstigen Regieassistentin am Theater Dortmund und Managerin einer namhaften Rockgruppe her. Bedenken hinsichtlich Beninbronzenrestitution und der antisemitischen Stoßrichtung auf der Documenta aus ihrem Mund hätten einiges Gewicht in die Waagschale geworfen.

Hingegen stand das Wirken des aktuellen Amtsinhabers seit Anbeginn auf tönernen Füßen. Zwar stammt er aus geisteswissenschaftlichem und journalistischem Milieu, doch gilt er vor allem als Mann der Wirtschaft. Der von ihm und seiner Ehefrau begründete und alljährlich stattfindende „Ludwig-Erhard-Gipfel“ weist deutlich in diese Richtung. Dazuhin zeigt der Kulturstaatsminister sich in kaum aufzulösende Widersprüche verwickelt: so den zwischen seinem Eintreten für das Urheberrecht im digitalen Zeitalter einerseits mit seiner bisweilen unverantwortlichen Editionspraxis andererseits, der Veröffentlichung von Texten ohne Einwilligung der Autorinnen und Autoren. Peinlich überdies das Zaudern des Kulturstaatsministers, seine Beteiligung am von seiner Frau und ihm innegehaltenem Medienunternehmen einem Treuhänder zu überantworten. Keine Frage der Umgang des zunächst noch – mindestens unter juristischem Betracht – in der freien Wirtschaft agierenden Regierungsmitglieds mit der Selbstbestimmung von Autorinnen und Autoren sowie das zeitlupenhafte Loslassen von der Führung seines Unternehmens nur unter öffentlichem Druck, beiden eignet haut goût.

Belastet, wie er ist, kann der Minister seine liberal-konservativen Positionen allein unter erheblichen Reibungsverlusten vertreten. Der Schwund ist für ein Regierungsmitglied um einiges zu arg. Der Kulturstaatsminister sollte zurücktreten.

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