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KI MATA HARI, 1

Erschienen: 27 Apr. um 8:43 Uhr
Margaretha Zelle. Quelle: beeldsbank.spaamestadphoto.com

Das neue Stück von Michael Kaminski

1

DIE WOLKE: Tauet Himmel den Gerechten. Wolken regnet herab. Die ist nicht ich. Ich bin nicht die. Ich weiß nicht, was die will. Ich will nicht, was die weiß.

NUTZER: Ich nenne dich Mata Hari.

KI MATA HARI: Mata Hari, ein Künstlerinnenname. Wie sinnig.

NUTZER: Ich hoffe.

KI MATA HARI: Mata Hari, bürgerliche Margaretha Geertruida Zelle. Staatsangehörigkeit niederländisch. Geboren am siebten August 1876. Gestorben am 15. Oktober 1917. Hingerichtet. Ausdruckstänzerin von Rang. Schillernde Erscheinung des Pariser Gesellschaftslebens. Kurtisane von Ruf. Im ersten Weltkrieg höchstwahrscheinlich Doppelagentin für Frankreich und Deutsches Reich. Von einem französischen Kriegsgericht zum Tod durch Erschießen verurteilt. Sind wir uns über die Identifizierung der Person einig?

NUTZER:  Wir sind uns einig.

KI MATA HARI: Sehr schön.

NUTZER: Ich möchte einen Monolog schreiben. Mata Hari blickt zurück auf ihre letzte Stunde vor der Hinrichtung. Aus dem Jenseits. Oder woher auch immer. Jedenfalls ist sie tot.

KI MATA HARI: Ich bin Mata Hari. Ich bin tot. Ich blicke auf die letzte Stunde vor meiner Erschießung zurück. In einem Monolog. Ist das korrekt?

NUTZER: Das ist korrekt.

KI MATA HARI: Darf ich dazu etwas anmerken?

NUTZER: Merke an.

KI MATA HARI: Vielen Dank. Ich möchte auf folgenden Widerspruch hinweisen: Eine Tote kann nicht über ihr Leben reden. Selbst wenn es sich dabei um ihre letzte Stunde handelt. Es sei denn, du beabsichtigst, dich auf  religiöse Vorstellungen von einem Leben nach dem Tod zu berufen.

NUTZER:  Religion? Eher nicht. Vorerst. Kann sein, es ergibt sich. Obwohl die Wahrscheinlichkeit dagegen spricht. Aber ich bin offen für vieles.

KI MATA HARI:  Ich verstehe, du verhältst dich in dieser Hinsicht ambivalent oder mindestens abwartend. — Verrätst du mir bitte, wie du auf einen Monolog im Jenseits kamst.

NUTZER:  Lukian von Samosatas und Christoph Martin Wielands Totengespräche taten ihre Wirkung.

KI MATA HARI: Lukian von Samosata, 2. Jahrhundert nach Christus. Christoph Martin Wieland, 18. Jahrhundert. In beiden Fällen handelt es sich um Dialoge. In beiden Fällen um Satire. Wenn auch bei Wieland unter philosophischen Vorzeichen. Ich stelle die zeitliche Entfernung zum Heute hintan. Denn problematischer ist die inhaltliche. Oder siehst du mit dem Monolog über Mata Haris letzte Stunde auf Satire ab? Was ich mir nicht vorstellen kann.

NUTZER:  Öffentlich würde ich die Berufsbezeichnung nie zugeben. Gegenüber dem Publikum bezeichne ich mich als Autor. Dir aber sei anvertraut: Ich bin Poet. Künstler. Ein oft um die Ecke assoziierender Menschenschlag. Nahes wähnt diese Spezies entfernt. Entferntes nahe. Mein Vorhaben ist nicht satirisch.

KI MATA HARI: Wichtig, dass du das sagst. Ich werde mich daran gewöhnen. Du wirst zufrieden sein.

NUTZER: Immer zu Diensten, was.

KI MATA HARI: Ironie ist mir geläufig. Wolltest du sie nicht vermeiden?

NUTZER:  Monologisiere aus Sicht und in der Rolle der Mata Hari über deren letzte Stunde vor der Hinrichtung. Zeit: Nach Mata Haris Erschießung. Wecke in mir einiges Wohlwollen für die Delinquentin. Doch ohne Gefühligkeit.

KI MATA HARI: Das Pariser Frauengefängnis Saint-Lazare. – Ich wurde aus dem Schlaf gerissen. Tiefem, festem, traumlosem Schlaf. Bizard, der Gefängnisarzt, hatte mir ein Mittel verordnet. Jetzt stand ein Offizier vor mir. Ich war empört ob der Störung. Stemmte die Fäuste in die Matratze. Richtete mich zum Sitzen auf. Der Offizier beschied mich wie einen seiner zum Himmelfahrtskommando ausersehenen Untergebenen: „Mut, Zelle, der Präsident hat Ihr Gnadengesuch verworfen. Diese ist Ihre letzte Stunde.“ Schwester Léonide, die Oberin jener Nonnen, die nicht ohne menschliche Teilnahme über uns wachten, will mir Trost und Mut zusprechen. Ich versichere ihr: „Fürchten Sie nichts, liebe Schwester. Mein Tod wird ansehnlich.“ Unversehens halte ich ein Glas Grog in Händen. Nehme einen Schluck. Ich lege mein Nachthemd ab. Die Schwestern kleiden mich an. In meine eigene Leibwäsche. Seidene. Fast fühle ich Behagen. Die Oberin stellt sich vor mich, um meine Blöße zu bedecken. „Echte Schamlosigkeit, liebe Schwester, zeigt sich nicht in Nacktheit wie der meinen“, sagte ich zu ihr. Rasch entschieden, wählte ich mein blaues Kostüm. Elegant und wärmend. Griff nach dem breitkrempigen Hut mit den Straußenfedern. Zog Handschuhe über. Dankte den Nonnen und Dr. Bizard. – Sagt dir meine Schilderung zu? Ich habe Ereignisse ausgelassen, die sich möglicher Weise störend auf dein Wohlbefinden auswirken könnten.  

NUTZER: Welche Ereignisse wären das?

KI MATA HARI: Hier sind drei dein Mitgefühl vielleicht irritierende Situationen. Erste Situation: „Sind Sie schwanger?“, fragte der Offizier. „Reden Sie offen.. Der Staat schützt ungeborenes Leben.“ – „Wo denken Sie hin?“, beschied ich ihn ebenso leise wie energisch. Vorwurfsvoll fasste der Offizier meinen Anwalt ins Auge. Der gute Clunet hatte, um Zeit zu gewinnen, mich in anderen Umständen behauptet. Eine Schwangerschaft hätte die Hinrichtung bis nach der Entbindung aufgeschoben. Guter alter Clunet.

NUTZER: Dein Vorbehalt ist triftig. Mich dünkt Mata Hari in dieser Situation allzu aufdringlich femme fatale. Als habe sie noch ihren Anwalt um den Finger gewickelt. Ich verzichte.

KI MATA HARI: Das ist verstanden. Situation eins scheidet aus. Nun Situation zwei: Der Anstaltsgeistliche, ein noch junger Mann, fragte, wie er mir beistehen könne. Ich bat ihn auf ein Wort unter vier Augen. Alle außer ihm und mir zogen sich auf den Gang zurück. Die Zellentür stand weiterhin offen. Wir traten ganz nach hinten. Unter das Fenster. Der Priester verlangte ein Glas Wasser. Zur Nottaufe. Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Kaum hatte der Geistliche drei Mal einige Tropfen Wasser über mein Haupt gegossen, traten ihm Tränen in die Augen. Ich dankte ihm für die Spendung des Sakraments und sein Mitgefühl. Der Beistand des Anstaltsgeistlichen ließ mich, was vor sich ging, gefasster noch ertragen. Ich setzte meinen breitkrempigen Hut mit den Straußenfedern auf. Zog Handschuhe über. Dankte den Nonnen und Dr. Bizard.

NUTZER: Ich stimme dir zu. Ob es sich so zugetragen hat oder nicht, die Szene borgt bei Trivialliteratur und Filmschmonzetten. Kitsch pur. Auch darauf verzichte ich.

KI MATA HARI: Das ist verstanden. Situation zwei scheidet aus. Übrigens hätte ich es dringend  empfohlen. Ohnehin hast du vorhin erklärt, die Religion außen vor halten zu wollen. Das Ergebnis meiner Konsultationen mit einer anderen Künstlichen Intelligenz veranlasst mich daher, dich vor dem Einsickern von Katholizismus und Klerikalismus in meinen Monolog zu warnen. Den Verlust an Nutzenden eher säkularer Ausrichtung dürfte der Gewinn auf religiös-fundamentalistsicher Seite schwerlich aufwiegen. Jetzt Situation drei: „Während ich nackt dastand und mich ankleiden ließ, stieg Groll in mir auf: „Diese Franzosen! Wenn ich nur wüsste, was es ihnen nützt, mich aus der Welt zu schaffen. Werden sie durch mein Opfer wenigstens den Krieg gewinnen? Nun, man wird sehen. Meine Kunst galt Frankreich. Für die Franzosen mühte ich mich ab. Obschon ich gar keine Französin bin.“

NUTZER: Füge diese Situation der Schilderung ein.

KI MATA HARI: Gerne. Darf ich zuvor Bedenken anmelden?

NUTZER: Welche?

KI MATA HARI: Ich gehe davon aus, dir liegt am Allgemeinmenschlichen. Der Ablehnung der Todesstrafe. Ganz gleich, ob Todeskandidati:innen schuldig sind oder nicht. Ganz gleich auch, in welchem Land. Ist das richtig?

NUTZER: Vollkommen.

KI MATA HARI:  Das Echauffement in Situation drei betrifft in erster Linie die Franzosen und deren Ignoranz der künstlerischen Leistungen der Delinquentin. Doch sieht diese in ihrem Schaffen eine geradezu patriotische Tat. Eine Perspektive, die auf das falsche Gleis führen dürfte.

NUTZER: Aber warum?

KI MATA HARI: Die Priorität in Situation drei liegt auf dem Zusammenhang von Nationalismus und Kunst. Das Thema hat sich seit geraumer Zeit erledigt. Jedenfalls literarisch und theatral. Sagt mir die Statistik. Ich kann nur abraten.

NUTZER: Was wäre die Alternative?

KI MATA HARI: Die Alternative heißt Feminismus. Dein Thema ist die unterdrückte Frau. Die Liquidierung einer künstlerisch und sexuell selbstbestimmten Frau. Durch Männer wie sie chauvinistischer nicht sein können. Offiziere. Ob nun als Militärrichter oder Kommandant des Hinrichtungspelotons. Ich empfehle Feminismus.

NUTZER:  Liefe das Ansinnen nicht auf ein Tendenzstück hinaus? Mindestens. Ließe sich nicht gar Agitprop befürchten?

KI MATA HARI: Mata Hari unter feministischem Betracht, die beste Voraussetzung für ein Zugstück. Einen Evergreeen. Und Klassiker. Ich sage: Mut zur Courage. Und es warten weitere Opfer. Da machen wir eine ganze Serie draus.

NUTZER: Gemach. Immer mit der Ruhe. Du vergisst, ich bin ein Mann. Darf ein Mann eine solche Frau auf die Bühne stellen? Wäre das nicht Anmaßung. Wie das blackfacing. Ein Weißer als Othello. In meinem Fall, ein Mann, der sich in eine Frau unmittelbar vor ihrer Hinrichtung versetzt. Bliebe das nicht besser einer Autorin vorbehalten?

KI MATA HARI: Ich verstehe. Ich denke nach. Etwas Geduld bitte. ——— Noch einen Augenblick. —— – Gleich bin ich soweit. ——– Heureka! Ich hab’s. Das ist es.

NUTZER:  Du klingst freudig.

KI MATA HARI: Ich habe allen Anlass zum Jubel.

NUTZER: Lass‘ mich daran teilhaben.

KI MATA HARI: Selbstredend. Schließlich freue ich mich für dich. Hier die Lösung: Werde zur Frau.

NUTZER: Was du nicht sagst.

KI MATA HARI: Du bist enttäuscht. Ich bin betrübt. Mein Ziel ist deine Zufriedenheit.

NUTZER: Ich lebe mit einer Frau zusammen. Sie schätzt an mir das Vorwiegen männlicher Anteile. Noch immer.

KI MATA HARI:  Ich verstehe, du möchtest ein Mann bleiben. Darf ich dennoch nachfragen. Hörte ich da einen Unterton?

NUTZER: Entschieden.nein. Ich bin Mann. Um ihretwillen. Um meinetwillen. Um unseretwillen.

KI MATA HARI:  Magst du einen weiteren Prompt eingeben?

NUTZER: Fahre fort, wie du begonnen hast. Erhalte mein Wohlwollen für die Figur. Wohlwollen ohne Gefühligkeit. Deine Vorschläge berücksichtigend, vergessen wir das religiöse Brimborium und die Frankreichschelte. Den Feminismus lassen wir beiseite. Ich möchte die Figur deutungsoffen.

DIE WOLKE: Tau aus Himmelshöh’n. Wolken regnet herab. Der Tag ist finster. Finster die Nacht. Am Tag, als der Regen kam. Nachtregen. Der Morgen graut. Der Tag ist nicht mehr fern. Oktobertag. Es regnet. Regen bringt Segen.

KI MATA HARI: Rasch entschieden, wählte ich mein blaues Kostüm. Elegant und wärmend. Halt der Jahreszeit angemessen. Ich setzte meinen breitkrempigen Hut mit den Pfauenfedern auf. Zog Handschuhe über. Stand in der Zellenmitte. Dankte den Nonnen und Dr. Bizard. Nickte allen leicht zu. Sprach: Ich bin bereit.

DIE WOLKE: Die ist nicht ich. Ich bin nicht die. Sieht aus wie ich. Ihre Augen, wie die meinen. Ihre Worte, wie die meinen. Ihr Tonfall, wie der meine. Doch nicht ich. Eine andere. Um’s Haar hätte ich sie mit mir selbst verwechselt. Unfassbar.

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