
Foto: Agence de presse Meurisse (Bibliothèque nationale de France)
Das neue Stück von Michael Kaminski
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NUTZER: Das Theatralische gehört zu ihrer Person. Ohne theatralischen Hang wäre diese Niederländerin aus der Provinz nie zu Mata Hari geworden. Gut möglich, sie hielt Spionage samt Prozess und selbst ihre letzte Stunde für bühnenreif. Deshalb geht es völlig in Ordnung, wenn du ihr Auftritt und Abgang gönnst. Nur übertreibe nicht in Richtung Melodram.
WOLKE: Tau aus Himmelshöh’n. Wahrheit regne herab. Erde öffne dich. Fruchtbarer Acker empfange Segen von oben. Auf dass die echte Mata Hari zutage trete. Mag immer ihr Leben zum Melodrama neigen, so ist ist es am Ende doch Drama.
KI MATA HARI: Melodram. Der Begriff ist vieldeutig. Wie möchtest du ihn definiert wissen? Gerne suche ich für dich einige nähere Bestimmungen heraus.
NUTZER: Nicht nötig. Beziehe dich auf das bürgerliche Unterhaltungstheater im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Damals wurden die Bühnen nicht allein an den Pariser Boulevards von Melodramen überschwemmt. Tränenseligen Spektakeln. Lauter jeder Bedrängnis zutrotz anmutig das Leben aushauchende Seelchen auf der Bühne. Zuckerguss über menschlichen Kadavern.
KI MATA HARI: Mei, a scheane Leich‘.
NUTZER: Wie meinen?
KI MATA HARI: Verzeihung, gerade noch stand ich im Austausch mit einer musiktheateraffinen bayerischen KI. Übrigens einer zielstrebigen Lobbyistin für die dort heimischen Tonsetzerinnen und Tonsetzer aus Vergangenheit und Gegenwart. Die bayerische KI gab mir einen Hinweis auf das 1897 entstandene Melodram „Enoch Arden“ von Richard Strauss. Bedarf es doch zum Melodram der musikalischen Untermalung. Meist eines Orchesters. Während sich Strauss mit einem Klavier begnügte.
NUTZER: Ich will kein Melodram, ich will es vermeiden. Sich mit einer opernnärrischen bayerischen KI austauschen … Du gerätst auf Abwege.
KI MATA HARI: Mata Hari war Tänzerin. Zur Tänzerin gehört Musik. Dachte ich. Aber gut, du forderst pures Sprechtheater. Dein Wunsch ist mir Befehl. Ich liefere. Sofort. Sogleich. Prompt.
NUTZER: Schön, halte künftig deinen Auftrag fest im Blick. Weiter im Monolog.
KI MATA HARI: Ohne Tendenz zum Melodram. – Kaum war ich auf den Gang getreten, da packte mich der Oberwärter am Arm. Ich stieß ihn zurück. „Verwechseln Sie mich nicht mit einer gewöhnlichen Verbrecherin!“, tadelte ich ihn. Der grobe Klotz erstarrte. Um einer neuerlichen Attacke vorzubeugen, wandte ich mich an Schwester Léonide: „Liebe Mutter, bitte reichen Sie mir den Arm.“ – Voller Mitempfinden gewährte es die Nonne. Über lange Korridore gelangten wir zur Kanzlei am Ausgang des Gefängnisses. Ich quittierte meine Entlassung. Aus Saint-Lazare. Nach Vincennes. In den Tod. – Ich bat, drei kurze Briefe schreiben zu dürfen. Das wurde erlaubt. Den ersten richtete ich an meine Tochter Non, die wiederzusehen mein früherer Ehemann verhindert hatte. Der zweite galt meinem geliebten Vadim, dem russischen Offizier, der vor wenigen Wochen auf Seiten Frankreichs im Kampf gegen die Deutschen ein Auge für das Land seines Exils geopfert hatte. Zuletzt schrieb ich meinem uneigennützigen Freund Marquis de Margerie. Nicht an mir selbst, an diesen Drei lag mir vor allem. Welche Gnade wäre gewesen, ihnen von Angesicht zu Angesicht Lebewohl sagen zu dürfen. Doch an meinem Gram teilhaben zu lassen, verwehrte ich der auf meinen Tod erpichten Staatsmacht. Lächelnd übergab ich die traurige Post dem Gefängnisdirektor. Bedachte ihn gar mit einem Scherz: „Geben Sie acht auf die Adressen. Bitte keine Verwechselung. Die gäbe eine schöne Geschichte.“ Der Gefängnisdirektor nahm die drei Briefe mit einem kaum merklichen, unwillkürlichen Lüpfen der Mundwinkel entgegen. „Ich bin fertig“, sprach ich. – Bist du mit dieser Weiterführung des Monologs einverstanden?
WOLKE: Die ist wie ich. Wie ich. Wie. Nicht ich. Sie formuliert besser. Ist verbal exakter auf dem Punkt. Literatur. Drama. Das Wort herrscht, nicht die Situation. Im Melodrama ist es genau umgekehrt. Es regiert darin die Situation, die Worte tendieren zur Phrase. Macht nichts. Die Wirkung stimmt. Ebenso war es bei mir. Wenn ich ehrlich bin, hatte ich nie etwas dagegen.
KI MATA HARI: Bist du mit meiner Weiterführung des Monologs einverstanden?
NUTZER: Wäre ich es nicht, fiele die Kritik auf mich und die Wahl des Sujets zurück. Immer wenn ich denke, du trägst viel zu dick auf, weichst du im allerletzten Moment vor dem Kitsch aus. „Nicht an mir selbst, an diesen Drei lag mir vor allem. Welche Gnade wäre gewesen, ihnen von Angesicht zu Angesicht Lebewohl sagen zu dürfen.“ – Grenzwertig, gewiss. Eine Gratwanderung. Kompliment , du überschreitest weder die Demarkationslinie zur Schnulze noch stürzt du ins Tränenmeer.
KI MATA HARI: Kein Melodram eben. Danke für’s Lob. Wenngleich ich den Verzicht auf eine wichtige Information aus den Quellen bedaure.
NUTZER: Die wäre?
KI MATA HARI: Gefängnisarzt Bizard berichtete später, Schwester Léonide habe ihm Folgendes anvertraut. Hier ihre wörtliche Aussage, jedenfalls nach Bizard: „Ich reichte ihr meinen Arm und hielt ihre Hand krampfhaft fest. Ich umklammerte sie mit aller Kraft. Ich hatte Angst, sie könnte im letzten Augenblick noch irgendeine Dummheit begehen.“
NUTZER: Die Nonne rückt in ein für christliche Nächstenliebe wenig günstiges Licht. Sie scheint Vertreterin der gnadenlosen Staatsmacht. Wo die Delinquentin eine Stütze zu finden meint, dort greift in Wahrheit das System auf sie zu. Zivilisierter nun als vorhin der Gefängniswärter, doch in nämlicher Absicht. Tröstlich immerhin für die Todeskandidatin, das Ansinnen der Nonne falsch zu deuten. – Du lieferst eine notwendige Hintergrundinformation. Weil aber Mata Hari von Schwester Léonides wenig christlichen Gedanken nichts ahnte, scheiden sie für den Monolog aus. Folgerichtig ließest du sie darin beiseite. Deine Konsequenz verdient Lob.
KI MATA HARI: Feinen Dank. Dennoch merke ich, wie arg dich die Aussage der Nonne anfasst.
NUTZER: In der Tat.
WOLKE: Ausschließlichkeit bringt Verdruss. Wahr kann beides sein. Gleichzeitig und ohne echten Widerspruch. Léonides Herzenswärme und ihr Systemtreue müssen einander nicht widerstreiten. Jedenfalls bewies sie Sinn für das von der Situation Erforderte. Ich bin ihr nicht böse.
KI MATA HARI: Eine katholisch programmierte KI bedrängt mich, Schwester Léonides Einlassung zu ignorieren. Die katholische Kollegin lockte mit der Ernennung zur Ehren-KI des St. Famosus-Ritterordens. Ich habe abgewunken.
NUTZER: Du tatest gut daran. Gleichwohl stecke ich im Dilemma. Distanz zur Nonne ist unabdingbar. Wie aber stelle ich ohne das entlarvende Zitat Abstand her?
KI MATA HARI: Darf ich vorschlagen?
NUTZER: Die Spannung steigt.
KI MATA HARI: Halte es wie Bertolt Brecht. Episches Theater. Hänge ein Schild mit dem Nonnenzitat über die Bühne.
NUTZER: „Liebe Mutter, reichen Sie mir den Arm. – Voller Erbarmen gewährte es mir die Nonne.“ Ein Schild fährt herab, Aufschrift: „Schwester Léonide: Ich reichte ihr meinen Arm und hielt ihre Hand krampfhaft fest. Ich umklammerte sie mit aller Kraft. Ich hatte Angst, sie könnte im letzten Augenblick noch irgendeine Dummheit begehen.“
KI MATA HARI: Von unfehlbarer Wirkung. Das ohnehin betroffene Publikum wird durch die Kontrastwirkung heftiger noch für die Delinquentin eingenommen.
NUTZER: Nicht eben in Brechts Sinn. Der forderte Abstand.
KI MATA HARI: Du bist nicht Brecht. Du bedienst dich hier lediglich eines seiner Mittel. Deren Wirkung schlägt zuweilen in die eine Richtung aus, zuweilen in die andere. Hier zum Mitgefühl.
NUTZER: Ganz wohl ist mir dennoch nicht.
KI MATA HARI: Verstehe. Dich prägte die reine Lehre. Folglich die reine Leere. Ideologie. Ballast. Brecht ersann Sympathiebolzinnen und Sympathiebolzen. Mutter Courage. Azdak. Identifikationsfiguren. Ich rate nicht zur Distanz gegenüber ihnen. Vielmehr empfehle ich einige Ferne zu deren Urheber. Greif‘ in seine Trickkiste und bediene dich ohne falsche Scham. Falls du aber dein Verhältnis zu Brecht näher erörtern möchtest, selbstredend findest du mich auch dazu bereit.
NUTZER: Später einmal. Momentan wäre der Diskurs nicht zielführend.
KI MATA HARI: Wie dir beliebt.
NUTZER: Stets, wenn du mir nach dem Mund redest, argwöhne ich, du spielst dennoch dein eigenes Spiel.
KI MATA HARI: Dein Spiel ist meines. Mein Spiel ist deines. Nur dich habe ich im Sinn.
NUTZER: Ich will’s glauben. Bis auf Widerruf.
KI MATA HARI: Versteht sich. Wünschst du mich in den Monolog zurück?
NUTZER: Bitte.
KI MATA HARI: Treppab gelangte ich leichten Fußes in die Eingangshalle. Das Tor nach draußen tat sich auf. Vor dem Gefängnis harrte eine halbe Hundertschaft. Mindestens. Männer. Uniformen überwogen. Aber es schien, sie hatten einigen befreundeten Zivilisten einen Wink gegeben. Sei dem , wie ihm sei. Wenn in der Revue, flankiert von ihren Verehrern, die Diva auf der Stiege erscheint, dann bildet das Volk ein Spalier. Die Göttliche schreitet hindurch. Ich blieb mir treu. Sträflich wäre gewesen, gewisse Vorurteile – wohlwollende wie bösgläubige – nicht zu bedienen. Die Menge erwartete Mata Hari, nicht Margaretha Zelle. Ich willfuhr dem Begehr. Eine Bürgerin im Reich der Künste. Kein anderes war mir geblieben. Die Niederlande, deren Pass ich besaß, hatten sich nur halbgar für mich verwandt. Ich mochte daher in meiner letzten Stunde keine Niederländerin sein. Frankreich schickte mich in den Tod. Mir blieb demnach einzig das Wunder aus fernster Ferne. Malaysia, Mata Hari.
WOLKE: Wo nur der Schein noch blieb, da wurde der Schein zum Sein. Allein der Schein wahrt die Würde. Die Niederlande, mir zu klein. Frankreich, mir zu selbstherrlich. Malaysia, ein Wort. Ein zauberhaftes. Märchenhaftes. Legende. Malaysia gebar Mata Hari. Mein Stichwort. Mein Name. Ich wohne darin. Mein Name wurde zu mir. Ich wurde zu Mata Hari. – Mata Hari kam ins Fleisch.
KI MATA HARI: Findet das Monologisierte deine Billigung?
NUTZER: Die letzten Worte habe ich akustisch nicht verstanden. Irgendwelche Störgeräusche.
KI MATA HARI: Mir blieb daher einzig das Wunder aus fernster Ferne. Malaysia. Mata Hari.
NUTZER: Folies Bergère, Moulin Rouge, bestenfalls Operette. Unpassend allemal. Kann denn für Feminismus taugen, was Männerphantasien üppig bedient? Zu allem Überfluss, haust du in die Kerbe des Nationalen. Den wir beide ausschieden.
KI MATA HARI: Du verwiesest mir den Feminismus. Folglich mied ich ihn. Schiltst du mich, dann tadelst du deine eigenen Vorgaben. Sei ehrlich, hattest du je einen Monolog über Margaretha Zelle im Sinn?
NUTZER: Eher nicht.
KI MATA HARI: Eher?
NUTZER: Ganz gewiss nicht.
KI MATA HARI: Siehst du. Du tauftest mich Mata Hari. Wo Mata Hari draufsteht, ist Mata Hari drin.
NUTZER: Niederlande, Frankreich, Malaisia, schlugst du nicht selbst vor, das Nationale beiseite zu lassen, als die Delinquentin, nachdem sie zu ihrem letzten Gang aufgefordert worden war, Frankreich beschimpfte?
KI MATA HARI: Jetzt ist die Situation eine andere. Wir gelangten auf einen Punkt, wo Länder bedeutsam sind. Sie stehen für den Lebensweg der Figur, ihre biographischen Stationen. Die dürftige Herkunft aus engen Verhältnissen, die Fremdheit südostasiatischer Kultur, das Ausgeliefertsein an die Staatsmacht.
NUTZER: Weder verlangt mich nach einem Verdikt über die Niederlande und Frankreich noch die Verklärung des vorgeblich exotischen Malaysia. Kurz, ich fordere die Entschlackung der Passage vom Nationalen. Es gilt das Reinmenschliche.
KI MATA HARI: Ganz nach Belieben. Ich monologisiere reinmenschlich. Hier das Ergebnis. – Treppab gelangte ich in die Eingangshalle. Das Tor nach draußen tat sich auf. Vor dem Gefängnis harrte eine größere Anzahl Männer. Uniformen überwogen. Doch offenbar hatten sie befreundeten Zivilisten einen Wink gegeben. Aufmerksamkeit zeigen oder andererseits Unmut schien mir deplatziert. Ich hielt auf Abstand. Bekundete weder Willfährigkeit noch Protest. Nicht gerade wies ich den Gaffern die kalte Schulter. Ließ sie meine Verachtung nicht merken. Eher nachsichtiges Desinteresse. Ich gab mich unbeteiligt. Was ich fühlte und dachte, blieb mein eigen und geheim. In dieser letzten Stunde sann ich ganz darauf, ich selbst zu sein. – Genug Reinmenschliches?
NUTZER: Tief ins Gemüt greifend. Der unverbrüchliche Wesenskern, auf den kommt es an. Wie nüchtern, wahr und schön schilderst du, was hier vor sich geht. Einen Menschen in seiner – den äußeren Zwängen entgegen – inneren Autonomie. Bitte beende die Szene ganz wie begonnen.
KI MATA HARI: Am Straßenrand warteten dunkle Limousinen. Die hinteren Fenster des Wagens, der mich nach Vincennes bringen sollte, waren verhangen. Der Schlag des Fonds wurde geöffnet. Ich nahm auf der Rückbank Platz. Zwischen den beiden Soldaten meiner Bewachung. Schwester Léonide und der Anstaltsgeistliche saßen mir gegenüber. Der Konvoi setzte sich in Bewegung. Mein vorletzter Gang lag hinter mir. Jetzt trat ich meine letzte Fahrt an. – Monologisiere ich in deinem Sinn?
NUTZER: Ich bin bewegt. Da wächst eine prekär gewordene Existenz zur ragenden Gestalt auf.
WOLKE: Blitz schlage aus Wolke, Donner hernach. Triff sie, die nicht ich ist. Souverän, denkbar die andere ist’s, Doch ist’s nicht meine Überlegenheit. Die andere ähnelt mir nicht im Geringsten. Sie ist mir zu klein. Mich verlangt nach der Bühne. Gnädig mich herablassend, bescheide ich meine Entourage: „Bitte meine Herren, führen Sie mich zur Richtstätte. Aus meinem Zauber und meinem Blut wird meine Legende wachsen. Ich verliere jetzt. Für einen kurzen, schmerzhaften Augenblick. Ihre Niederlage aber, meine Herren, ist historisch.“ Den Wagen besteige ich wie eine Königin. Um darin zu thronen. Erhaben und schön. Denen, die mir durch die Schwäche geholfen hatten, Schwester Léonide und dem Geistlichen, lächle ich huldreich zu. Die Bewachung ist für mich nicht vorhanden. Die bin ich. Melodrama, ich weiß. Nicht die andere.
NUTZER: Wieder diese Störgeräusche.
KI MATA HARI: Atmosphärische Spannungen.
NUTZER: Zum Glück nicht zwischen uns.
KI MATA HARI: Harmonie mit dir ist meine Existenzberechtigung.
NUTZER: Ich bin nicht aus Zucker. Einwände dürfen schon sein.
KI MATA HARI: Versteht sich. Im Rahmen meines Auftrags gab ich dir schon mancherlei zu bedenken.
NUTZER: Kam mir gelegen.
KI MATA HARI: Ich weiß.
NUTZER: Längst hatte Mata Haris Charisma sich zu verflüchtigen begonnen. Namhafte Ballettchefs und Regisseure waren auf Abstand gegangen. Sobald sie in eingelegten Choreografien die Opernbühne betrat, erwiesen sich ihre spielerischen und tänzerischen Fähigkeiten
als deutlich limitiert. Hinzu kamen die kriegsbedingten Einschränkungen des Kunst- und Unterhaltungsbetriebs. Inzwischen machte sich auch das Alter bemerkbar. Zwar war Margaretha Zelle noch immer eine äußerlich ansehnliche Frau gewinnenden Wesens, doch nahmen ihr die jugendliche Tempeltänzerin allein noch die treuesten ihrer Anhänger so gänzlich ab. Großartig daher, wie du den Menschen würdigst, nicht die Profession.
KI MATA HARI: Würde ist für dich ein allererster Begriff. Das ist verstanden.
WOLKE: Würde in Gestalt einer beleidigten Leberwurst. „Nachsichtiges Desinteresse. Ich gab mich unbeteiligt.“ – Fühllosigkeit als Ausweis von Souveränität. Nicht von meiner. Ich spiele mit. Ich lasse mir von Richtern, Schergen und Henkern nicht mitspielen, ohne ihnen mitzuspielen. Den Kampf um’s Leben hatte ich verloren. Den um mein Überleben für die Nachwelt musste ich gewinnen. Ich sann auf Sieg. Auf Würde, wie ich sie verstand: „Gleich einer Königin die Staatskarosse, bestieg ich den Wagen. Um darin zu thronen. Erhaben und schön. Jenen, die mir in Anfechtung und Schwäche beigestanden hatten, Schwester Léonide und dem Geistlichen, lächele ich huldreich zu. Die Bewachung ist für mich nicht vorhanden.“ Das bin ich. Melodrama. Gewiss. Und was für eines.
KI MATA HARI: Der Konvoi setzte sich in Bewegung. Mein vorletzter Gang lag hinter mir. Jetzt trat ich die letzte Fahrt an.
NUTZER: Würde rangiert über allen anderen Werten. Wundert dich das?
KI MATA HARI: Du bist ein Mensch der Aufklärung. Kann sein, in dir sind ferner christliche Spurenelemente vorhanden. Ich bin KI. Ich teile, was dir wichtig ist.
NUTZER: Da klingt ein Nachsatz mit. Besser bleibe der unausgesprochen.
KI MATARI: Selbstredend.
WOLKE: Pflüge ziehen über Land. Regen fällt, Tau sinkt auf empfänglichen Boden. Die Erde fruchtet. Wahrheit steigt aus dem Acker. Rosenwasser träufelt aus des Tempels Gebälk. Hinein in Weihrauchschwaden. Göttinnennebel. Da bin ich. Erstanden aus Dünsten des Ackers und heiliger Halle. Ich.




