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Platzverweis für Übervorsichtige

Erschienen: 2. Januar 2025
Shakespeare. National Portrait Gallery (London)
Elfriede Jelinek 2004. (Foto G. Huengsberg)

Selbstzensur hat im Theater nichts verloren.
Ein Kommentar von Michael Kaminski.

Gerücht – freilich ein langanhaltendes – war, dass Molière, der nicht allein in seinem >Eingebildeten Kranken<, sondern wiederholt die Ärzteschaft schmähte, des Beistandes der vor den Kopf gestoßenen Mediziner verlustig ging. Therapie und Medikamente seien dem Dichter vorenthalten worden. Längst ist klar, davon kann die Rede nicht sein. Hingegen scheint derzeit Gefahr selbst im Umfeld der Stückeschreibenden virulent. Jedenfalls legt das Jörg Bochnows Beitrag >Zwischen Illusion und Ideologie< in >Theater der Zeit< nahe. Der Dramaturg am Dresdner Staatsschauspiel führt das folgende Erlebnis an: „Vor kurzem sagte mir eine erfahrene und sehr angesehene Kollegin, dass sie keine Komödien mehr inszeniert – irgendjemand fühlt sich dabei immer bloßgestellt, auf ein Klischee reduziert, […].“

Bochnows Überlegungen im Rahmen der vom Blatt initiierten Serie >Was ist los? Dramaturgie der Zeitenwende< erschien bereits im Oktober (TdZ 10/24, S.61-64). Wochen hindurch blieb mir davon die Spucke weg. Jetzt aber kam die Zeit, sich zum Entschluss der von Bochnow zitierten Spielleiterin zu verhalten. Als Basis dient mir des Dramaturgen Feststellung: „Die Vorsicht, bedenklichen Positionen Raum zu geben, führt auch zu Vermeidungsstrategien, zur Eindimensionalität.“ – Ich stimme zu. Macht das angeführte Beispiel Schule, wird es an der Kernkompetenz des Lustspielgenres zerren – an der von Theater überhaupt.

Lachtheater darf wehtun

Molières deftige Schmähungen stießen nicht allein die statusempfindlichen Zeitgenossen, sondern darüber hinaus und – lange danach – die empfindsamen Gemüter der Enkelgeneration vor den Kopf.
Mitte des 18. Jahrhunderts verlangte sie nach dem sanften Humor der >comedie lamoryante<, Lustspielen, in denen sich ob der final beglückenden Entwirrung aller Verwicklungen vor Rührung und Freude gar weinen ließ. Prominenteste deutsche Hervorbringung dieses Komödientypus ist Lessings >Minna von Barnhelm<. Sage daher niemand, Lustspiel sei nur, was vor groben Klötzen und Keilen nicht scheut. Doch zählt brachiales Werkzeug von Anbeginn der Gattung hinzu.

Der Grieche Aristophanes, der Römer Plautus, der Brite Shakespeare und mit ihnen gleichauf der Franzose Molière schufen in diesem Metier die Zeiten – bislang – überdauernde Belustigung. Die attackierten Gesellschaftsschichten, Personenkreise oder Berufsgruppen dem Gespött preiszugeben, war Absicht; sie zu verletzen mindestens eingepreist. Schonungslosigkeit gehörte zum Selbstverständnis der Komödienschreiber. Shakespeare nimmt sich gleichermaßen den abgehalfterten Ritter John Falstaff wie den jüdischen Kaufmann Shylock vor. Standesvertreter, religiöse Heuchler, Neugeadelte, Eheleute und Menschenfeinde, Hypochonder und eben Ärzte bevölkern noch immer das Kernrepertoire. Einige aber scheinen inzwischen daraus verbannt. >Der Widerspenstigen Zähmung< aufzuführen, grenzt an ein Sakrileg. Die Unterwerfung einer selbstbewussten jungen Frau durch einen Macho wird von den Bühnen ferngehalten. Einem >alten weißen Mann< wie Sir John Falstaff hingegen kann gar nicht genug mitgespielt werden.

Shakespeare war Mensch des Theaters, kein Sittenwächter. Der Elisabethaner griff nach dem Komischen, wo immer es zu packen war. Und decouvrierte, was das Zeug hielt. Mängel der Gesellschaft und Einzelmenschen zu entlarven, ist ein genuiner Wesenszug des Lachtheaters. Beileibe nicht sein einziger, doch ein unerlässlicher. Was die Altmeister der Griechen, Römer, Briten und Franzosen wie auch ein Kleist im >Zerbrochnen Krug< oder Grabbe in >Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung< auf’s Korn nehmen, muss ausgehalten werden. Nicht anders die neuere oder gar zeitgenössische Produktion. Jelineks >Raststätte Oder Sie machen es alle< schließt mühelos zu Klassikern des Lustspiels auf.

Volltreffer ohne Vernichtung

Attacke zählt zur Komödie. Wenn den darob Verletzten Protest auf den Lippen liegt, dann hoffentlich zugleich die Frage, ob nicht an etwas gerührt wurde, das im Innersten längst als Schadenstiftendes – mithin Abzustellendes – erkannt wurde.
Wir sagen: „Das saß.“ Ergänzen wir „Und wie“, so begeben wir uns auf gedeihlichen Pfad. Ein Hoffnungsschimmer immerhin. An Kritik zu wachsen wäre etwas. Die Absage an die menschliche Tendenz zur beleidigten Leberwurst. Den Hang zur bloßen Empfindelei. Wo indessen bösgläubiges Vorurteil am Werk ist, die bloße Hasstirade sich unter dem Rubrum des Lustspiels tarnt, da ist die Replik am Platz. Debatte. Jener Scharfsinn und Witz, den der übelgesonnene Verfertiger oder die nicht minder unlautere Verfertigerin des szenischen Pasquills uns vorenthielt. Den schnöde hingeworfenen Fehdehandschuh mit eleganter Verbeugung charmant-spöttisch aufzuheben, rettet die Situation und das Amüsement. Zur Beschämung Hetzender.

Augen auf bei der Berufswahl

Über die Wirkung geschärften und attackefreudigen Witzes auf Theaterbesuchende zu schreiben, ist nicht mein Hauptthema.
Das Publikum ist, wie es ist. Stellen sich Schnittmengen von Stückeschreibenden, Theaterleuten und Besuchenden ein, desto besser. Doch nicht um jeden Preis. Kunst braucht Courage. Theater- und Spielleitungen, die sich davor scheuen, beim Publikum anzuecken, geben ureigenstes Terrain preis. Auf die bloße Vermutung hin, jemand könne sich unwohl mit Stück, Inszenierung oder beidem fühlen, nach der Schere im Kopf zu greifen, bekundet Kleingeist im Verein mit Untertanenmentalität. Kunstfremde Eigenschaften. Regt sich in dieser oder jener Fraktion der Besuchenden oder gar im gesamten Publikum Protest, ist solche Empörung noch dem gesündesten Schlummer im Parkett und in den Rängen allemal vorzuziehen. Mein Rat an Theaterleute, die sich in Selbstzensur und vorauseilendem Gehorsam oder gar Verzicht üben, lautet: „Hängen Sie Ihren Beruf an den Nagel. Sie sind in der Kunst fehl am Ort, da allenfalls jenem Bruchteil des Publikums willkommen, der vom Geschehen auf der Bühne vor allem eines erwartet, Langeweile.“

Dieser Beitrag erscheint in Kooperation mit dem Medienpartner www.stageticker.de.

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