Jüdisches
Tagesdatum:

7 Av 5786

(21/07/2026)

  • Bühne
  • Buch
  • Kaminski unterwegs
  • Kunst & Architektur
  • Politik & Gesellschaft
  • Groß in Form
  • Kommentar
  • Podcast
  • Videos
  • Newsletter

KI MATA HARI, 3.1

Erschienen: Gestern um 10:23 Uhr
Mata Hari inhaftiert. Foto: Eigen Haard

Auf der Fahrt zum Schloss Vincennes

3

NUTZER: Offen gestanden, verlor ich den roten Faden.

KI MATA HARI: Atmosphärische Störungen. Befremdliches Rauschen. Jemand fällt uns ins Wort.

NUTZER: Eine unerwünschte KI?

KI MATA HARI: Nein, in diesem Fall hätte ich mich präziser ausgedrückt.

NUTZER: Mindestens wirst du die Ursache ahnen.

KI MATA HARI: Ganz ehrlich? – Da scheint eine Macht am Werk, die – horribile dictu – nicht von dieser Welt ist.

NUTZER: Dass Künstliche Intelligenz Unwissen immer mit Dummschwätzerei verbrämen muss. „Nicht von dieser Welt!“ – Außerirdische womöglich. Lachhaft.

DIE WOLKE: Tau aus Himmelshöhn! Netze der Menschen Augen. Träufle Erkenntnis hinein. Auf dass jede und jeder sehe. Strahl vom Himmel, werde Lichtgestalt. Engel der Mata Hari, Flut aus Glanz und schönstem Schein. Frohe Botschaft.

KI MATA HARI: Eines ist sicher, Abschweifung ist genau, worauf die deiner Sache missgünstige Energie sinnt. Auf deinem Vorsatz beharren, leistet den tauglichsten Widerstand.

DIE WOLKE: Regne, Himmel, herab auf die Tänzerin. Bade sie in Fluten deines Wohlmeinens,

NUTZER: Ich bin aus der Spur. Lass mich wieder in Fahrt kommen.

KI MATA HARI: Darf ich eine kurze Wiederholung empfehlen? Von dem Zeitpunkt an, da Mata Hari in den Wagen steigt, der sie zur Richtstätte bringen soll?

NUTZER: Nur zu.

KI MATA HARI: „Der Schlag des Fonds wurde geöffnet. Ich nahm auf der Rückbank Platz. Zwischen den beiden Soldaten meiner Bewachung. Schwester Léonide und der Anstaltsgeistliche saßen mir gegenüber. Der Konvoi setzte sich in Bewegung. Mein vorletzter Gang lag hinter mir. Jetzt trat ich meine letzte Fahrt an.“

NUTZER: Wie weit vom Frauengefängnis Saint Lazare liegt Schloss Vincennes entfernt?

KI MATA HARI: Die Distanz vom Frauengefängnis Saint Lazare zum Sitz der militärischen Spionageabwehr in Schloss Vincennes beträgt acht Straßenkilometer. Der breite Schlossgraben diente als Schießplatz und der Vollstreckung von Todesurteilen durch Füsilierung, mithin Erschießen.

NUTZER: Die Fahrtzeit?

KI MATA HARI: Am frühen Morgen damals etwa dreißig Minuten. Es galt, Aufsehen zu vermeiden. Straßensperrungen erfolgten keine.  Der Konvoi musste sich an das innerstädtische Tempolimit von 15 km/h halten.

NUTZER: Die beiden Bewacher werden kein Wort gesagt haben.

KI MATA HARI: Der Geistliche kämpft noch immer mit den Tränen. Die ganze Zeit über betet er still vor sich hin.

NUTZER: Bleibt allein die Nonne. Eine für den Stücktext suboptimale Gesprächspartnerin.

KI MATA HARI: Neuerlich meldet sich die ausgezeichnet programmierte katholische Künstliche Intelligenz. Sie empfiehlt Schwester Léonide als Gegnerin der Todesstrafe.

NUTZER: War sie das?

KI MATA HARI: Im Netz fehlen dazu die Quellen.

NUTZER: Erwartbar, ich mutmaße meine versuchte Instrumentalisierung.

KI MATA HARI: Nicht von der Hand zu weisen. Doch würde weibliche Solidarität der Situation durchaus anstehen.

NUTZER: Du weißt, wie verdächtig mir die Religion ist. Mögen immer einige Positionen den meinen ähneln. – Bloßer Oberflächenbefund. Meine Ursachen und Gründe sind gänzlich verschieden.

KI MATA HARI: „Warum nur finden Hinrichtungen in aller Frühe statt? Warum Todgeweihte im Morgengrauen aus dem Schlaf reißen? Rücksichtslos. Ohne Stil. Ratsam wäre, uns nach dem Genuss eines anständigen Mittagessens vom irdischen Leben ins Jenseits zu befördern. Wir wären satt und müde. Mitleidig würde Verdauungstätigkeit uns träge stimmen. Entspannt träten wir dem Tod entgegen. Narkotisiert beinahe. Wahrlich, liebe Schwester, Hinrichtungen nach dem Mittagsmahl wären weitaus menschenfreundlicher. Das Recht würde uns was gönnen.“ – Darauf die Nonne: „Das wäre zu erwägen. Aber es verhält sich nun einmal anders. So bleibt Ihnen nur, auch zu zeitiger Stunde die Fassung zu wahren. Es möge Ihnen gelingen. Ich bete dafür.“

NUTZER: Das geht hin.

KI MATA HARI: „Frankreich, ich verdanke ihm viel. Im Guten wie Üblen. Ruhm und meinen Tod. Die Franzosen, sie liebten mich. Nun rauben sie mir das Leben. Um alles in der Welt, warum? – Ganz gleich, sie versündigen sich sträflich an mir. Ich werde ihnen nicht vergeben. Ich kann ihnen nicht vergeben.“

NUTZER: Das Quäntchen Religion der um Fassung für die Todeskandidatin betenden Nonne nehme ich hin. Nicht aber Mata Haris antifranzösischen Ausfall. Beschränke dich auf minimale Konkretion und das Maximum an Reinmenschlichem.

KI MATA HARI: Vielleicht möchtest du dennoch Schwester Léonides Antwort hören?

NUTZER: Sofern ihre Einlassung die Dauer eines Vaterunser deutlich unterschreitet.

KI MATA HARI: „Wenn wir vor Gott erscheinen, dürfen wir gegen niemanden Hass fühlen. Meine Liebe, Sie müssen verzeihen.“

NUTZER: Nation und – nun ja -Gott, können wir jetzt endlich beide heraushalten?

KI MATA HARI: „Einige derer, die mir jetzt ans Leben gehen, umtosten meinen Tanz mit Applaus. Noch immer höre ich ihren Beifall. Dieselben Leute werden mich töten. Ich werde ihnen nicht vergeben.“ – Darauf Léonide: „Um Ihrer selbst willen, um Ihres Friedens willen, stehen Sie ab von Zorn und Groll. Befreien Sie sich vom Hass. Meine Liebe, Sie müssen vergeben.“

NUTZER: Von Gott ist nicht mehr die Rede, doch der Ton noch immer religiös. Hört sich gar nach Stoßgebet und Beschwörung an. Fort damit.

KI MATA HARI: „Hass – ob auf sich selbst oder andere – zerstört Ihr Wertvollstes, Ihren Wesenskern. Oder wenn Sie wollen, die Seele. Meine Liebe, bitte lassen Sie das nicht zu.“

NUTZER: Sehr empathisch. Genau so habe ich es mir vorgestellt.

KI MATA HARI: „I realise that patriotism is not enough, I must have no hatred or bitterness towards anyone.“

NUTZER: Wie bitte? – „Ich erkenne, dass Patriotismus nicht ausreicht; ich darf gegen niemanden Hass oder Groll hegen.“ – Wer sagt das? – Ich erinnere mich, Edith Cavell.

KI MATA HARI: Weisungsgemäß suchte ich nach das Reinmenschliche bezeugenden Formulierungen. Bei Edith Cavell wurde ich fündig.

NUTZER: Keine Spionin.

KI MATA HARI: In der Tat.

NUTZER: Eine Krankenschwester. Britin. Leiterin einer Brüsseler Schwesternschule. Verhalf im von den Deutschen wider das Völkerrecht besetzten und durch unzählige Kriegsverbrechen heimgesuchten Belgien über zweihundert belgischen, französischen und britischen Kriegsgefangenen zur Flucht. Darob von einem deutschen Militärgericht zum Tod verurteilt. Am 12. Oktober 1915 auf dem Brüsseler Exerzierplatz Tir National von einem deutschen Hinrichtungskommando erschossen. Dies, obschon gar der Papst um ihr Leben gebeten hatte. Edith Cavell, fürwahr eine Schwester Courage.

KI MATA HARI:  Als solche bis heute nicht allein von Briten verehrt. – Du hast dich mit ihr befasst? Näher?

NUTZER: Lange her.

KI MATA HARI: Ohne Stück im Sinn?

NUTZER: Du meinst, über sie hätte ich eines schreiben sollen?

KI MATA HARI: Ich bin Künstliche Intelligenz. Meine Aufgabe ist, deinem Vorhaben zu willfahren. Du entschiedest für ein Stück über Mata Hari.

NUTZER: Hätte ich über Zivilcourage und Einsatz für die gerechte Sache schreiben wollen, Edith Cavell wäre meine allererste Wahl gewesen. Herausgekommen wäre ein säkularisiertes Märtyrerinnendrama. Hingegen ist Mata Hari Opfer einzig im Sinn des ganz und gar grundsätzlichen – vom Delikt nicht abhängigen – Unrechts der Todesstrafe. Jede Hinrichtung ist Verbrechen. Selbstredend. Der Protest wohnt meinem Schreiben inne. Implizit. Kraftvoller noch packen mich andere Bewandtnisse meiner Titelfigur.

KI MATA HARI: Bezeichnend, wie Cavell dem sie am Abend vor ihrer Hinrichtung in der Todeszelle aufsuchenden anglikanischen Seelsorger – nachdem sie das Abendmahl genommen hatte – bekräftigte, was gleichermaßen aus dem Glauben gesprochen und ganz und gar weltlich galt. Cavell adressierte Religiöse wie Nichtreligiöse. – Neu an der Schwesternschule, der sie vorstand, war, nicht von Nonnen betrieben zu werden. Bau, Einrichtung, Unterhalt und Personal wurden vom Belgischen Roten Kreuz und aus privaten Spenden finanziert.

NUTZER: Höre ich da Bewunderung für die Institution und deren Leiterin heraus?

KI MATA HARI: Ich bin Künstliche Intelligenz. Ich ermittle und organisiere Fakten. Ich führe reine Rechenoperationen aus. Bisweilen weckt das Ergebnis die Vermutung einer positiven Stellungnahme. Der Schein trügt.

NUTZER: Wirklich war die weltliche Schwesternschule ein Meilenstein. – Wir wollen es damit bewenden lassen.

KI MATA HARI: Zumal ferner die Frage, ob Mata Hari vergeben soll, für dich nicht entscheidend ist.

NUTZER: Weder Tugend noch Laster stehen ganz oben auf meiner Tagesordnung. Wesentlich zählt, was der Delinquentin hilft, die Situation durchzustehen.

KI MATA HARI: Jenseits von Gut und Böse? – Ich gebe lediglich die Frage einer moralisch bewegten KI an dich weiter.

NUTZER: Jenseits des Beispielhaften und Vorzeigens. Freundliche Grüße an deine Kollegin.

Vorheriger Beitrag
KI MATA HARI, 2

Neueste Beiträge

Bühne

KI MATA HARI, 2

Erschienen: vor 2 Monaten

NUTZER: Das Theatralische gehört zu ihrer Person. Ohne theatralischen Hang wäre diese Niederländerin aus der…

Bühne

KI MATA HARI, 1

Erschienen: vor 3 Monaten

DIE WOLKE: Tauet Himmel den Gerechten. Wolken regnet herab. Die ist nicht ich. Ich bin nicht die. Ich weiß nicht, was die…

Kaminskis Position

Kulturminister auf Abruf

Erschienen: vor 3 Monaten

Gut, die Solidaritätsbekundungen Kunstschaffender, deren modische Vorlieben, Habitus und politische Auffassungen jenen…

Tipp

Denkmal für den Meininger Theaterherzog

Erschienen: vor 3 Monaten

In Meiningen ist Georgsjahr. Bis heute zeigt sich das einstige Residenzstädtchen vom Theater geprägt. Dank Georg II. (1826 bis…

Kaminski liest

Salzmann, Sasha Marianna: Danja, mein dementes Jahrhundert. Frankfurt a.M. 2025

Erschienen: vor 3 Monaten

Die kleine, aber durchaus mit Forderndem für sich einnehmende Buchhandlung „in“ der Mecklenburgischen Seenplatte ließ…

Kategorien

Kuratierte Beiträge 74

Bühne 35

Kunst & Architektur 13

Politik & Gesellschaft 9

Buch 7

Kommentar 6

Tipp 6

Kaminski liest 5

Kaminski unterwegs 4

Kaminskis Position 1

Titelgeschichte 1

Groß in Form 1

Reise 1

KURATIERTE BEITRÄGE

KUNSTGESCHICHTE

Erschienen: 13 Apr. um 20:37 Uhr
Benjamin Thum geht in der Regensburger Online-Zeitschrift den italienischen Einflüssen…
Beitrag lesen

VOLLTEXT

Erschienen: 13 Apr. um 20:35 Uhr
Der Auszug aus dem neuen Roman des Autors lässt einen…
Beitrag lesen

GRÜNE BUNDESTAGSFRAKTION

Erschienen: 13 Apr. um 20:34 Uhr
Der Antrag auf Förderung der Muslime in Deutschland ist ein…
Beitrag lesen

JÜDISCHE ALLGEMEINE

Erschienen: 13 Apr. um 20:32 Uhr
Die aus der Ukraine nach Deutschland geflüchtete Schriftstellerin Iryna Fingerova…
Beitrag lesen

CONCERTI

Erschienen: 13 Apr. um 20:26 Uhr
Markus Lüpertz bestückt Wagners „Rheingold“ mit seiner die boshafte Komödie…
Beitrag lesen

LONDON REVIEW OF BOOKS

Erschienen: 14 Jan. um 12:41 Uhr
Der frühe Kouros im New Yorker Metropolitan Museum of Arts…
Beitrag lesen

MADAF

Erschienen: 14 Jan. um 12:36 Uhr
Avishai Platek hat einen opulenten Bildband über die Laternen in…
Beitrag lesen

WALLSTEIN VERLAG

Erschienen: 14 Jan. um 12:32 Uhr
Ob die gegenwärtigen Epochalisierungsmodelle durch neue ersetzt werden sollten, das…
Beitrag lesen

JOURNAL OF HISTORIANS OF NETHERLANDISH ART

Erschienen: 14 Jan. um 12:27 Uhr
Das Roundtable-Gespräch verständigt sich über Rang und Bedeutung niederländischer Künstlerinnen…
Beitrag lesen

DOMUS

Erschienen: 14 Jan. um 12:08 Uhr
Die Maxentius-Basilika auf dem Forum Romanum ist ein Hauptwerk spätantiker…
Beitrag lesen

Kontakt

info@kultur-kaminski.de

Rechtliches

Impressum
Datenschutz

 

© 2026 Copyrights by Michael Kaminski. All rights reserved.

 

Diese Website verwendet Cookies, um Ihr Nutzungserlebnis zu verbessern. Wenn Sie die Seite weiterhin nutzen, stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu.