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KI MATA HARI, 3.2

Erschienen: Gestern um 13:43 Uhr
Schloss Vincennes. Foto: Lionel Allorge

Auf der Fahrt zum Schloss Vincennes, Fortsetzung 3.2

WOLKE: Wolkenschrein wahrte den Tau. Öffne dich, kostbare Lade. Himmelserbschaft teilt sich aus. Tropfe um Tropfe träufelt herab. Tränen vom Himmel. Trank der Verdurstenden.

KI MATA HARI: Es wurde behauptet – in Zeitungen schon kurz nach dem ersten Weltkrieg – und noch vor wenigen Jahren in einem auflagestarken Sachbuch, die deutsche Unbarmherzigkeit gegen Edith Cavell habe Mata Hari das Leben gekostet.

NUTZER: Du zitierst bedenklichste Quellen. Sensationspresse. Der Sachbuchautor ist Urenkel des Mata Hari verhörenden Untersuchungsrichters. Dem Altvorderen an Strenge und Vorurteil nicht nachstehend, zeiht er den Ahnen – das in seinen Augen willige Werkzeug rachedurstiger Politiker und Militärs – der Rechtsbeugung.

KI MATA HARI: Du aber möchtest Edith Cavell als Beweggrund für das Todesurteil über Mata Hari und dessen Vollstreckung ausschließen?

NUTZER: Cavells Erschießung weckte den Abscheu einer breiten Weltöffentlichkeit. Zwar suchten die Deutschen die Hinrichtung fortgesetzt zu rechtfertigen. Dennoch beriefen sie den Brüsseler Militärgouverneur Traugott von Sauberzweig von seinem Posten ab.

KI MATA HARI: Magst du mir erklären, worin du die Gnadenlosigkeit gegenüber Mata Hari begründet siehst?

NUTZER: Bis in den Herbst 1917 hinein drohte kam Frankreich militärisch nicht voran. Des französischen Oberbefehlshabers Nivelle Frühjahrsoffensive am Fluss Aisne gewann nicht der Rede wert an Boden. Obgleich der General seine Soldaten in voller Absicht vor die feindlichen Geschütze getrieben hatte. Kanonenfutter im übelsten Wortsinn. Entsetzlichste Verluste, in ihrem Gefolge Meutereien erzwangen den Abbruch des Vorstoßes. Einzig grausames Durchgreifen schien das Auseinanderfallen der Armee verhindern zu können. Zur Disziplinierung der Truppe schickten die Militärgerichte Aberhunderte Soldaten vor Hinrichtungspelotons. – Gleich den Meuterern durften Spioninnen und Spione auf keinerlei Nachsicht hoffen. Geschichte scheint mörderischen Streichen und boshaften Scherzen geneigt: Wir schreiben den 15. Oktober 1917, Mata Haris Hinrichtungsdatum. Bloße zehn Tage darauf gelang dem neuen Oberbefehlshaber Général Petain in der Schlacht von Malmaison der Befreiungsschlag.

KI MATA HARI: Mächtig brechen die Zeitläufte über das Reinmenschliche herein.

NUTZER: Ich staune, Künstliche Intelligenz gebietet über Sarkasmus.

KI MATA HARI: Es sei wiederholt, ich führe Rechenoperationen aus. Nach deiner Maßgabe. Nicht weniger, nicht mehr. Was dir sarkastisch vorkommt, ist bloßer Schein. Nur erlaube die Frage, wie ich dein profundes Geschichtswissen in meine Berechnungen einbeziehen darf?

NUTZER: Mein „profundes Geschichtswissen“. Wahrlich, eben dies ließ mich für das Reinmenschliche entscheiden. – Ich bin Deutscher. – Vierter August 1914. Deutsche marschieren ins neutrale Belgien ein. Der Beginn des ersten Weltkriegs. Seit geraumer Zeit trachtete das deutsche Oberkommando durch Belgien hindurch, Frankreich in den Rücken zu fallen. Wie käme ich dazu, mich über die Franzosen moralisch zu erheben? Flugs würde der Tadel sich gegen mich selbst kehren. – Andererseits kann ich mich von Mata Haris Bewandtnissen nicht lösen. Einer Frau, aus eigener Kraft sich erfindend. Einer Sichselbstschöpferin. So bleibt mir denn allein das Reinmenschliche. Zumal es Stoff in Fülle bietet.

WOLKE: Tau aus Himmelshöh’n. Jeder Tropfe eine Geschichte. Feuertropfe. Aus jedem Tropfen bleckt eine Flammenzunge. Feuerregen. Flammenwand.

KI MATA HARI: „Ich fahre nun zu einem Bahnhof ohne Wiederkehr.“ – Darauf Schwester Léonide: „Ihr Ziel, meine Tochter, gewährt ewige Heimat und währenden Frieden.“

NUTZER: Trost liegt einzig im „Meine Tochter“.

KI MATA HARI: „Mutter, ich hoffe es. Doch fürchte ich, in einen Zug zu steigen, dessen baldige fürchterliche Entgleisung auf die Minute genau feststeht. Fahrplanmäßig.“ – Die Nonne: „Gewiss, es muss Ihnen so vorkommen. Einübung ins Unglück stärkt. Es verliert an Schrecken.“

NUTZER: Die Fahrt zur Hinrichtungsstätte droht dramaturgisch schwach in Metaphern und Sentenzen zu münden.

KI MATA HARI: Wie bedauerlich, meine Quellen schweigen.

NUTZER:  Such’ ein weiteres Mal.

KI MATA HARI: Ganz nach Wunsch.

WOLKE: Feuertropfen. Flammenwand. Weltenbrand. Strohfeuer.

KI MATA HARI: Kwitch palimm palue vitrachs amel fatzol. Keri kari korai sibaschs lomer tenai borkast afrai kluhz. Henvai skrz ibil dalt wrkpl somaz.

NUTZER: (Versteht oder als ob er verstünde.) Nicht dein Ernst. Wo hast du es aufgetan?

KI MATA HARI: Trez havil ponasch awl paniz sivv. Sivv wlal kenach trez.

NUTZER: Völlig unglaubwürdig. Frei im Raum flottierende Phantasie.

KI MATA HARI:  Ich möchte dir halt zu Diensten sein. Wenn ich’s nicht vermag… – Wahrhaftig, Menschen würden sagen, es wäre ihnen peinlich.

NUTZER: Bloßer Zahlensalat als Analogie zu menschlichem Schamgefühl.

KI MATA HARI:  In etwa.

NUTZER: (Mit der Stimme von KI Mata Hari.) „Wen nur verurteilte das Gericht? Mata Hari oder Margaretha Gertruida Zelle? Zwei völlig verschiedene Menschen. Man nötigte mich zur Unterschrift mit jenem in meinem niederländischen Ausweis vermerkten Namen, Margaretha Gertruida Zelle. Doch wie oft ich mir auch den Namen aus dem Pass wiederhole, ich kenne die Frau nur ganz flüchtig. Mata Haris Ruhm gilt in aller Welt. Margaretha Gertruida Zelles Bedeutung hält sich in engsten Grenzen. Was Mata Hari widerfährt, geschieht Frau Zelle gewiss nicht. Auf der Bühne oder im vertrauten Kreis, wo immer Mata Hari auftritt, fliegen die Herzen ihr zu. Erntet sie Entzücken und Ergebenheit. Die Menschen beeilen sich, ihr die Wünsche von den Lippen abzulesen. Blumen, Juwelen und Pelze, sie weiß kaum aus noch ein vor lauter Kostbarkeiten. Margaretha Gertruida Zelle hingegen ist die unscheinbare Bürgerin eines kleinen, wehrlosen Landes. Die Heimat bietet ihr keinen Schutz. Ohne Beistand und erschöpft von Anklagen und Verhören sucht Margaretha Gertruida sich einfältig und unbeholfen selbst zu verteidigen. Sie zu verurteilen, wäre Verbrechen. Ihre Arglosigkeit liefert den Beweis ihrer Unschuld. – Über Mata Hari gebietet kein Land. Keiner Nation Gericht. Für Mata Hari gilt einzig die Kunst. Allein ihren Geboten folgt sie. Einzig und allein die Kunst spricht ihr das Urteil. Kein irdischer Richter sonst darf sie behelligen.“

KI MATA HARI: Wirst du mir verraten, ob du selbst diese Rede ersonnen hast oder dich einer Quelle bedienst?

NUTZER: Angeregt hat mich Mata Haris Brief an den gegen sie ermittelnden Untersuchungsrichter. Das Schreiben – ich habe es stark umgearbeitet – ist abgedruckt im Buch des seinem Vorfahren wenig wohlgesonnenen Urenkels. 

KI MATA HARI: Wie du schon früher erwähntest, es hat sich mehr als ordentlich verkauft. Du wurdest  nicht an entlegenem, vielmehr immer wieder frequentiertem Ort fündig. Um Nachsicht, ich richtete meinen Rechercheauftrag allein auf den Tag der Hinrichtung.

NUTZER: Keine Bange, ich tadele dich nicht.

KI MATA HARI: Doch möchtest du mir eine Lektion erteilen.

NUTZER: Wie einst einer meiner Professoren sagte: „Es wird immer jemand geben, die oder der es besser weiß als man selbst.“ – Aber im Ernst, ich fordere von Künstlicher Intelligenz nicht die kombinatorischen Gaben eines Autors. Schon, weil ich sie mir – um meinen Spürsinn zu schärfen – selbst abverlange.

KI MATA HARI: Darf ich Schwester Léonides Antwort formulieren?

NUTZER: Nur zu.

KI MATA HARI: „Wir sind beim Namen gerufen. Jede und jeder von uns. Ihre innere Stimme wird Ihnen sagen, welcher der Ihre ist. Der Staat jedoch beachtet lediglich die Formalia. Den Namen, der im Pass steht. Sonst wäre Chaos die Folge.“

NUTZER: (Mit Mata Haris Stimme.) „Liebe Schwester, Sie sind Nonne. Sie tragen einen Ordensnamen. Wie sie bürgerlich hießen, zerging in Schall und Rauch.

KI MATA HARI: (Mit Schwester Léonides Stimme.) „Streng trennt Frankreich Staat und Religion. Für mein geistliches Leben trifft zu, was Sie sagen. Doch im Pass steht mein Geburtsname. Unsere amtlichen“ Dokumente erlauben keinen anderen.“

NUTZER: (Mit Mata Haris Stimme.) „Selig, wer sich in solchen Zwiespalt schickt.“

KI MATA HARI: (Mit Schwester Léonides Stimme.) „Meine Tochter, ich bin bei und mit Ihnen.“

WOLKE: Entflamme mich. Lösche den Brand. Feuer. Wasser. Tau. Tropfen. Wolkenbruch. Glut. Flammenwand. Welt zündet an Welt. Feuer fegt. Wasser reinigt. Ganz rein, die Erde. Völlig tot.

KI MATA HARI: (Nun wieder mit Mata Haris Stimme.) „Der Wagen wurde langsamer. Kam zum Stillstand. Der Beifahrer stieg aus. Öffnete mir die Tür. …

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