WOLKE: Wolkenschrein wahrte den Tau. Öffne dich, kostbare Lade. Himmelserbschaft teilt sich aus. Tropfe um Tropfe träufelt herab…
Neueste Beiträge

Ich bin schuld. Mea culpa. Wenn auch keine übergroße. Mea non maxima culpa. An wem ich schuldig wurde? An der Gesellschaft, in die ich mich begab. Doch allererst an mir selbst. Der falschen Ortswahl halber. Ich hätte wissen müssen: Der einst dort wehende freundliche Geist hatte sich längst verflüchtigt. Wider besseres Einsicht war ich hergekommen. Obschon mir nichts Gutes schwante. Doch siegte die Bequemlichkeit. Die Gastronomie lag für das befreundete Ehepaar und mich auf jeweils halbem Weg. Aus entgegengesetzten Richtungen kommend, bot sich an, hier einzukehren. Nicht, dass eine mahnende Stimme gefehlt hätte. „Dort herrscht dicke Luft“, wandte meine Begleitung ein. Um zu raten: „Lass’ uns zum Griechen gehen. Für die Freunde liegt der nur wenige Schritte weiter.“ – „Wir hätten den mindestens dreifachen Weg“, wandte ich ein. Und setzte mich durch. Wunscherfüllung stand am Beginn großen Ungemachs. Weder hörte ich auf meine innere Stimme noch auf guten Rat. Denn nicht allein die kurze Fußstrecke gab den Ausschlag. Überdies empfand ich mich mit den Wirtsleuten solidarisch. Couragiert hatten sie sich gegen die sie mit ihren Bebauungsplänen bedrängende Stadtverwaltung durchgesetzt. So jedenfalls schien es. Freilich wussten frische Gerüchte von neuen bauamtlichen Auflagen. Das Geschäftskonzept der Wirtsleute schien von Grund auf gefährdet. Mein Besuch sollte dazu beitragen, ihnen den Rücken zu stärken. Die Anspannung, die bei meinen letzten drei Aufenthalten in der Luft gehangen hatte, schrieb ich der für die Betreiber der Lokalität nervenaufreibenden Lage zu. Kann sein, kann nicht sein. Doch bewahrheitete sich, was Binsenweisheit ist und Kalenderspruch. Und wahr: Gut gemeint ist oft das Gegenteil von richtig getan. Meine Schuld liegt in der Ignoranz des Offensichtlichen. Ich bin weder Psychologe noch Rechtsbeistand der Wirtsleute. „Lass’ es,“ hätte ich mir sagen sollen. Mea culpa.
Außer Bequemlichkeit gab Nostalgie den Ausschlag. Beide stehen miteinander im Bund. Ich hatte im Lokal manchen munteren, launigen und anregenden Abend verbracht. Küche und Theke boten Hinnehmbares. Neben Leuten, die ihr Berufsleben in Anzug und Kostüm verbrachten, saßen solche, die tagsüber in Monteurskluft steckten. Gegenüber der Kindergärtnerin saß der Sachbearbeiter. Neben dem Tierarzthelfer nahm die Ingenieurin Platz. Die Pferdepflegerin vis-à-vis dem Handwerksmeister. Aller Verschiedenheit unerachtet, hatten sie eines gemeinsam, sich in diesem Gemenge aufgeräumt und behaglich zu empfinden. Der männliche Teil des Bewirtendenehepaars wirkte still und zurückhaltend im Hintergrund, seine Frau bewegte sich behend, aufgeräumt, zielstrebig und noch bei Hochbetrieb gelassen durch Schankraum und Biergarten. Die Freude an dem, was sie tat, schrieb sich in ihr Gesicht. Wenn sie an die Gästetische trat, gewann sie auf dem Fuß. Ihre Geschäftstüchtigkeit befremdete nicht, sie rief Anerkennung hervor. Eine Wirtin, wie für den Beruf geschaffen.
Der Sommer nahte. Biergartenwetter. Ich nahm mein Notizheft. Ab und an beflügelt mich das Hintergrundrauschen der Gespräche an den Nachbartischen beim Entwurf meiner Texte. Begreiflich also, wenn die vielen freien Plätze in der Außengastronomie meiner Erwartungshaltung widersprachen. Doch hatte ich keine Zeit, darüber nachzudenken, ob ich dennoch bleiben wollte. „Draußen ist alles besetzt“, beschied mich die Wirtin von hinten. Ich warf einen Blick auf die freien Tische. Keinen zierte ein Reservierung kündendes Kärtchen. Ich verließ das Lokal in der Annahme, ein einzelner Gast sei der Platzierung einer zufällig, aber an diesem sonnigen Abend durchaus erwartbaren Gästeschar hinderlich. Ich ging zum Stammitaliener und fand mich auf dessen im Halbkreis von altem Baumbestand gerahmter Terrasse ein. Der Abend schloss angenehm.
Zwei Wochen darauf – meine Begleitung und ich aßen im Biergarten zu Abend – fertigte die Wirtin Gäste am Nachbartisch ab, die Küche sei nun geschlossen. Weit vor der üblichen und erwartbaren Zeit. Die Wirtin blickte in befremdete Gesichter. Doch veranlassten auch die sie zu keiner Begründung für den frühen Küchenfeierabend. Wir sahen von unseren Tellern auf und in den spärlich besetzten Biergarten.
Wechselhafter Witterung halber steuerten wir bei unserem nächsten Besuch nicht in die Außengastronomie, vielmehr hielten wir auf jenen Alkoven in der großen Gaststube zu, den auch der mitgeführte Haus- und Hofhund meiner Begleitung bevorzugte. In der Nische störte ihn niemand auf und – ihm wichtig – er konnte den Raum überblicken. Unser Ansinnen war unerwünscht. Von hinter der Theke her rügte uns die Wirtin: „Sehen Sie denn nicht? Da ist alles leer.“ – Die zweite und kleinere der beiden Gaststuben hatte uns nie behagt. Auch hier saßen lediglich zwei Männer. Unfroh setzten wir uns in den Biergarten. Bald aber ließ die Wolkendecke keinen Sonnenstrahl mehr hindurch. Meine Begleitung fröstelte. Ich tat es ihr nach, der Hund nicht minder. Wir siedelten in die von uns wenig geschätzte kleine Gaststube um. Das Essen heiterte nicht auf. Sparversionen des bislang Gewohnten. Ungläubig blickte ich auf die fünf halbierten Salamischeiben meiner Pizza. Im Winkel uns schräg gegenüber saßen noch immer die beiden Männer. Wir hatten sie, bevor wir das Lokal betraten, aus dem Wagen steigen sehen. Sichtlich erschöpft vom harten Tagewerk der Monteure. Beide sprachen Niederländisch. Einer zog das Bein auf die Sitzbank, er umklammerte es mit Armen und Händen. Stracks eilte die Wirtin herbei. Scharf tadelte sie den Niederländer ob der Ungehörigkeit. Einem Flegel gegenüber fraglos angemessen. Der Mann indes war keiner, vielmehr ein von des Tages Mühsal abgezehrter Werkmensch. Wirkung getan hätte bereits freundliches Bitten. Der Wirtin Verbalkanone traf keinen Spatzen, vielmehr einen Menschen, der Nachsicht verdiente. Und wenn schon nicht diese hätte walten sollen, dann zum Geringsten die Rücksichtnahme gegenüber anderen Gästen. Uns, denen der Donnerschlag zu Ohren drang. Die Niederländer zahlten und gingen. Ihre Gläser waren noch gut gefüllt. Kurz darauf verließen auch wir das an diesem Abend wenig gastliche Haus.
Auf dem Heimweg und hernach zeigte sich meine Begleitung entschlossen: „Ehe sich dort die dicke Luft nicht verzogen hat, macht es keinen Sinn noch einmal hinzugehen.“ – In den Folgewochen verwarf sie meine wiederholten Ersuchen in Bausch und Bogen. Hingegen stand mein Sinn nach Solidarität. Kommunale Bauplanungen hatte den Wirtsleuten übel mitgespielt. Das Gasthaus sollte dem Erdboden gleichgemacht, an seiner Stelle Wohnbebauung errichtet werden. Wirtin und Wirt hatten sich dessen tapfer und – anscheinend – siegreich erwehrt. Es war ihnen gar der Kauf der Immobilie gelungen. Medien und Gäste hatten entschieden Partei genommen. Allererst der Zugewandtheit halber, die das Bewirtendenpaar seinen Gästen noch während des härtesten Ringens mit dem Amt angedeihen ließ. Niemals hing dicke Luft im Raum. Der Erfolg trog. Offenbar hatte die Stadtverwaltung sich auf günstige Gelegenheit lauernd in einen Hinterhalt zurückgezogen. Fußgängerzone und Kirchplatz durchlief Getuschel von neuerlichen Vorgaben: Parkraum wäre zu schaffen und Zuwegung für die Wohnhäuser hinter dem Lokal. Bei derart bewandten Umständen mussten die Nerven blank liegen, schloss ich. Solidarität war Gästepflicht. Mea culpa. Meine Schuld. Begreifen hätte ich müssen: Eine Gastronomie, deren Atmosphäre mir Missvergnügen bereitet, fällt nicht in mein Ressort. Oder, wie wir hier im Land der Pferde sagen: „Nicht mein Beritt.“
Was auf mich niederging, war verdient. Für die Verabredung mit dem befreundeten Ehepaar hatte meine Begleitung eine gastronomische Alternative ins Auge gefasst. Wider guten Rat sann ich auf einen letzten Versuch mit dem Stammlokal. Auf dem Hinweg goss es in Strömen. Wir mussten die Schirme aufspannen. Freie Platzwahl entschädigte. Sturmeseilig stand die Wirtin an unserem Tisch. Unwirsch erteilte sie Weisung, die auf dem Boden abgelegten Schirme stante pede in den Schirmständer beim Eingang zu versorgen. Was wir – versteht sich – ohne Aufforderung schon beim Betreten erledigt hätten, würden wir den in einer bislang von uns nie bemerkten Nische aufgestellten, obendrein winzigen Behälter – von Schirmständer durfte die Rede nicht sein – nur bemerkt haben. – Bald hatte sich das befreundete Ehepaar eingefunden. Heiterkeit griff Platz. Obschon einem der Mozzarellastäbchen meiner Begleitung die Füllung mangelte. Ferner unbestellte Getränke serviert wurden. Aufgeräumten Gemüts verteilten wir das Nichtverlangte untereinander.
Zur Begleichung der Zeche musste ich an die Theke. Am Tresen ging es umständlich zu. Begreiflich. Wie beim Servieren, so hatte man sich bei der Eingabe in die Kasse verhaspelt. Während des Wartens durchstach aufsteigender Groll meinen Frohsinn. Obschon durch aufblinkende Warnleuchten in Schranken gewiesen. Die Signale geboten: „Erstens sende Ich-Botschaften. Zweitens übe wertschätzende Kritik.“ Ich sagte: „Ich fühle mich hier nicht mehr willkommen.“ Worauf ich an die Einnordungen der letzten Zeit erinnerte. Ich schloss meiner Hoffnung auf die Wiederherstellung einladender Atmosphäre Ausdruck verleihend. Sichtlich empört, mahnte die Wirtin Gastespflichten an: Zu fragen, ob ein Raum betreten werden dürfe. Die Schirme im dafür vorgesehenen Behältnis abzustellen. Behufs Deeskalation kehrte ich an meinen Platz zurück. Die Gläser waren beinahe leer. Der Aufbruch nahte. Doch geht der Krug so lange zum Brunnen, bis er bricht. Unversehens stand die Wirtin am Tisch. Sie erbat Entschuldigung für die nicht eben launige Wirkung ihrer freilich für den Betriebsablauf unerlässliche Bitten und Hinweise. Mir war klar: Nicht ich war Adressat des Rechtfertigungs- und Beschwichtigungsversuchs, vielmehr trachtete die Wirtin, sich die Sympathien des befreundeten Ehepaars und beinahe mehr noch meiner Begleitung zu erhalten. Ihr hatte sie manchen Gast zu danken. – Kaum hatte sie die captatio benevolentiae abgespult, nahm die Wirtin mich unter Feuer. Sie zielte deutlich auf meine Beschämung: Welcher Hafer mich gestochen habe, sie – wie soeben an der Theke geschehen – lauthals zu attackieren. Ich antwortete piano. Mein Mezzoforte sei notwendig gewesen, um über das Stimmengewirr hinweg zu ihr durchzudringen. Übrigens verwechsele sie prononciertes Sprechen mit Lautstärke. Worauf die Wirtin ihren Vortrag über die Gastespflichten nun auch vor dem befreundeten Ehepaar und meiner Begleitung hielt, freilich in konzilianterem Ton. Das Referat fand nur unaufmerksames Gehör. Ohnehin befanden wir uns im Aufbruch. Die Wirtin zog sich zurück.
Ich hätte froh sein müssen, Lokal und Missstimmung hinter mir zu lassen. Klugheit gebot, tempi passati zu folgern. Mindestens indes, abzuwarten. Kürzlich erst hatte vor Ort ein Gastronom unerachtet von vorteilhafter Lage und gefälligem Ambiente, doch in Ansehung selbstherrlichen Auftretens, resignieren müssen. Oder mich darauf besinnen sollen, wie einst mein erster Chef den Zorn des Greenhorns dämpfte: „Glauben Sie mir, die machen kein halbes Jahr mehr.“ Meistens traf seine Prognose zu. Doch nagte in mir des Grolles finsterer Wurm. Ihm unheilvoll verbunden, kitzelte mich der Kleingeist. Ich rief in der Gastronomie an. Einen scharfen Verweis der Wirtin ob ihrer coram publico wider mich gehaltenen Scheltrede im Sinn. Ich bekam deren jetzt völlig unverblümte Wiederholung zu hören. War und blieb der pflichtvergessene Gast. Als solcher verdiente ich keinerlei Pardon. Meine Rückfrage, wie es denn um ihre professionelle Gastfreundlichkeit stehe, trieb sie in Harnisch. Die Frau, die einmal eine Wirtin aus dem Bilderbuch war, deren Berufsbezeichnung ich aber seither schon in Gedanken mit Anführungszeichen versehe, diese »Wirtin« ging dazu über, mich auf meinem eigenen beruflichen Feld rüde zu attackieren. Nie war sie mir dort begegnet. Ihr fehlte der blasseste Schimmer. Ich drückte sie weg.
Doch möchte ich mich an ihr nicht abarbeiten, ich blicke auf mich selbst. Fasse, was ich hätte unterlassen sollen, ins Auge. Zeiten kommen, Zeiten gehen. Wer Gegenteiliges hofft, wird schuldig. Zuvörderst an sich selbst. Meine Erfahrungen in der einstigen Stammgastronomie sprachen eindeutig: „Deine Zeit hier ist vorbei.“ – Mea culpa. Meine Schuld ist, diese Stimme verleugnet zu haben. Genug gebeichtet. Und zureichend gebüßt. Der Sommer geht zur Neige. Auf, in den Biergarten! Es wartet so mancher.
Dieser Text ist fiktional. Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Personen, Orten und Ereignissen wären bloßer Zufall.
Neueste Beiträge
WOLKE: Wolkenschrein wahrte den Tau. Öffne dich, kostbare Lade. Himmelserbschaft teilt sich aus. Tropfe um Tropfe träufelt herab…
NUTZER: Offen gestanden, verlor ich den roten Faden. KI MATA HARI: Atmosphärische Störungen. Befremdliches Rauschen…
NUTZER: Das Theatralische gehört zu ihrer Person. Ohne theatralischen Hang wäre diese Niederländerin aus der…
DIE WOLKE: Tauet Himmel den Gerechten. Wolken regnet herab. Die ist nicht ich. Ich bin nicht die. Ich weiß nicht, was die…
Gut, die Solidaritätsbekundungen Kunstschaffender, deren modische Vorlieben, Habitus und politische Auffassungen jenen…
Kategorien
