Ich bin schuld. Mea culpa. Wenn auch keine übergroße. Mea non maxima culpa. An wem ich schuldig wurde? An der Gesellschaft…
Neueste Beiträge

Die allmonatliche Sprechstunde im Vortragsraum des Museums. Eine gut besuchte und die Nahbarkeit der Expertinnen und Experten des Hauses bekundende Veranstaltung. Leute unterschiedlichsten Alters und sozialer Milieus stellen Erbstücke, Dachbodenfunde und bei Versteigerungen und auf Flohmärkten erworbene echte oder vermeintliche Kunstwerke vor. Die einen wünschen sich die Zuschreibung an einen prominenten Maler bestätigt, die anderen möchten etwas über eine Porzellantasse womöglich aus dem frühen 19. Jahrhundert erfahren. Kaum anders zu erwarten, finden sich selten Trouvaillen darunter. Mittelmäßiges wiegt vor. Das Gemälde datiert tatsächlich ins Barock, rangiert indessen weit unter der Bedeutung der Werke des Meisters, dem es zugeschrieben wurde. Die klassizistische Porzellantasse erweist sich als original, freilich repariert und restauriert. Gefällig anzusehen, doch nichts, was einen Sammler oder gar das Museum entzücken würde. Die Leute sind’s dennoch zufrieden. Obschon der Zuwachs an Wissen oft mit leichter Enttäuschung einhergeht. Ihren Mitbringseln tiefgreifend entfremdet, zeigen sich gleichwohl die Wenigsten. Im heimischen Wohnzimmer bleibt das barocke Gemälde weiterhin gern betrachtet. Ein Abglanz immerhin der Künstlergrößen des 17. oder frühen 18. Jahrhunderts. Die Porzellantasse findet zurück in die Vitrine ihrer Eigentümerin. Nach wie vor bekundet sich in diesem leicht ramponierten und verfremdeten Zeugnis des Klassizismus die Zeit der als Stilikone verehrten Königin Luise. – Kunstfremde Scheußlichkeiten kommen vor. Kompositionell Zusammengestümpertes und farblich Abscheuliches. Oft beides vereint. Immer wieder geriert es sich impressionistisch. Ab und an abstrakt-expressionistisch.
Gleich ob hingepinselter Landschaftsramsch oder talentfreies Drip Painting, die Eigentümer finden sich hoffend ein. Dafür, sie auf die folgende Enttäuschung vorzubereiten, halten die Kunstexpertinnen und -experten zwei Formulierungen bereit. Die erste: „Es handelt sich um ein Original.“ – Der Satz schützt positive Wertung vor, tatsächlich sagt er im konkreten Zusammenhang so gut wie nichts. Denn kein Zweifel, selbst mit Ölfarben hantierende Laien bringen Originale hervor. Originale Ölgemälde. Über die kunsthistorische Bedeutung des den Museumsleuten vorgestellten Bildes verliert der Satz mithin kein Wort. Verräterisch beinahe die zweite Floskel aus dem Repertoire zur Vorbereitung unangenehmer Nachricht: „Schön bunt.“ – „Schön“ wird hier selbstredend nicht im Charakter einer ästhetischen Belobigung gebraucht, vielmehr synonym für „sehr“ oder „ziemlich“. Tatsächlich gemeint ist „arg“. So steckt denn in dem, was Fachfremde meist als Kompliment verstehen werden, längst das Verdikt. „Bunt“ verneint die Kunsteigenschaft des Machwerks. Das Wort definiert die gerade Opposition zum Farbgespür eines Giotto, Tizian, Matisse, Marc, Kandinsky, Nay und Richter.
„Bunt“ meint wahllos Zusammengeklatschtes. Gar Infantiles. „Viele, viele bunte Smarties“, bewarb seit 1964 der von fröhlich klingenden Kindern eingesungene Jingle einer TV-Werbung mit farbigem Zuckerguss umhüllte Schokolinsen. Kinder durften sich der bunt kolorierten Süßware ohnehin erfreuen. Dass auch Erwachsene beim Genuss des Zuckerprodukts wieder kindliche Freude verspürten, ließ die bundesrepublikanische Nachkriegsgesellschaft als Entschädigung für des Tages Müh’ an der Werkbank oder im Büro hingehen. Zumal, wenn die Verkostung beim Konsum des samstagabendlichen „bunten Abends“ im Fernsehen erfolgte. Jenem von Entertainern wie Peter Frankenfeld und Harald Juhnke servierten, unterschiedlichste Musikrichtungen von gefälliger Klassik bis zu Pop und Schlager mit launigen Conférencen und Sketchen anreichernden Shows, die zu Leitformaten der TV-Unterhaltung gediehen. „Bunt“ überspielte in diesem Fall die erwogene Programmauswahl und präzise Dramaturgie der Veranstaltung.
Das Wort klang nach Leichtigkeit des Seins und griffiger als „farbig“. Sei dem, wie ihm sei: „Bunt“ datiert Vorlieben und Verhalten in die Kinderzeit. Bunte Bilder malende Kindergartenkinder entzücken, die Kunsterziehung der Grundschule indes sollte erste Impulse zu farbiger Gestaltung geben, weiterführende Schulen leiten zu bedachtem Kolorit an. Akademien formulieren den – um den Titel der bedeutenden Abhandlung des Malers Ernst Wilhelm Nay aus dem Jahr 1955 zu zitieren – „Gestaltwert der Farbe“ gleichermaßen in Theorie und Kunstwerk. Nays „Scheibenbilder“ zeichnen sich durch mannigfaltige Farbigkeit aus. Sie „bunt“ zu nennen, würde diese Gemälde gänzlich verkennen. – Ende der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts ersetzte Starrocker Udo Lindenberg den Staatsnamen „Bundesrepublik Deutschland“ durch „Bunte Republik Deutschland“. Lindenberg witterte einerseits, wonach der Zeitgeist verlangte, um ihn andererseits zu prägen. Beides erweist den Chef des „Panikorchesters“ als Künstler von Rang und Bedeutung. Album und Titelsong aus dem Jahr 1989 bekunden Optimismus unter der Devise „Multikulturalität“ – kurz „Multikulti“. Wahrlich, der Vorschein einer arglos-fröhlichen Utopie. Gleichsam deren Kindheit. Sie „bunt“ zu heißen, entsprach dem hoffnungsvoll-zukunftsfrohem Kontext.
Nur, erwachsen wurde das Kind entweder nie oder nahm während der Adoleszenz ein seiner Ursprünge völlig entfremdetes Wesen samt ungefälliger Erscheinung an. Welche der Alternativen zutrifft? Ich gestehe Ratlosigkeit. „Bunt“ jedenfalls schwadroniert über die gegenwärtige Lage hinweg. Infantilisierung vermag viele gewiss noch eine Zeitlang zu täuschen. Doch schält sich die Kakotopie – der grässliche Ort – fortschreitend zur Kenntlichkeit heraus: Nationalsozialistische und linke Verfassungsfeinde, Islamismus, aller drei Antisemitismus, Parallelgesellschaften samt krimineller, in den Staat als Beutegesellschaft ihre Fänge schlagende Großfamilien, ideologische Attacken auf die Sprache, nicht zuletzt Sittenwächterei recken hydragleiche Drachenfratzen aus dem Unrat. Bunt ist einzig das zur Tünchung solcher Machenschaften ausersehene Laken. Fröhliche Wahllosigkeit soll Zerstörerisches tarnen. Bei derart bewandten Umständen wundert nicht, wenn dringend erfordert-hochkompetente Migration am Land vorbeizieht. Überdies abgeschreckt durch enorme Steuerlast, defizitäres Bildungssystem, marode Infrastruktur und selbstreferentielle Verwaltung.
Die viertgrößte deutsche Stadt feiert sich als eine der buntesten Metropolen des Landes, Kontinents, Erdkreises. Farbenfroh ging es hier am Rhein schon zur Römerzeit zu. Migration aus allen Zonen des römischen Reiches wimmelte durch die Provinzhauptstadt: Germanen, Kelten, Menschen vom Balkan, aus Kleinasien, dem Orient und Nordafrika handelten und wandelten schiedlich-friedlich miteinander. Sie alle importierten ihre heimischen Religionen oder schlossen sich expandierenden Kulten wie dem des Mithras an. Gewiss, die Kapitale der römischen Provinz Niedergermanien war multiethnisch und multireligiös. Freilich stand alles dies unter dem Primat römischer Gesetze und Kultur. Sichtbarer Ausdruck dessen waren der Statthalterpalast als Verwaltungszentrum, das Forum nicht allein als Wirtschafts- und Finanzplatz, vielmehr ebenso Ort, an dem Verträge geschlossen und Urteile gefällt wurden, das Capitol mit der Staatsgottheiten-Trias Iupiter, Iuno und Minerva. Deutlich und unverwechselbar gestaltete sich das Leben römisch überformt. Farbenfroh ohne Frage, doch keineswegs „bunt“. Rom gab den Ton an und bestimmte das Kolorit. Unter postkolonialem Betracht sicher ein Gräuel, obschon Garant für Frieden und Wohlstand, bis der spätantike Zwangsstaat und die Stürme der Völkerwanderung der urbanen Synthese aus Einheit und Vielfalt den Garaus machten.
Ganz wunderbar, wie heute Menschen mit Migrationshintergrund in der rheinischen Metropole und landesweit eine Heimat fanden, deren Lebensart sie schätzen und bereichern. Aus türkischstämmigen Einwanderern etwa wurden Mitbürgerinnen und Mitbürger. Sie verliehen, dem hier Vorgefundenen eine eigene, hochwillkommene Note. Stadt und Land gewannen an Farbe. Menschen wie diese musste entsetzen, was sich in ihrer Heimatstadt am 30. Juli 2016 zutrug: Eine dem türkischen Staatspräsidenten infolge des mutmaßlichen Putsches gegen ihn huldigende Großdemonstration skandierte lautstark die Forderung nach der Todesstrafe für die vorgeblichen Umstürzler. Dass aus Deutschland jemals wieder das Verlangen nach Hinrichtung käme, war für mich bis dahin unvorstellbar – und gewiss ebenso für die mental hier Angekommenen. Mörderisch gesonnen, drang die Forderung durchs bunte Laken. Ein blutrot sich färbendes Leichentuch.
Neueste Beiträge
Ich bin schuld. Mea culpa. Wenn auch keine übergroße. Mea non maxima culpa. An wem ich schuldig wurde? An der Gesellschaft…
WOLKE: Wolkenschrein wahrte den Tau. Öffne dich, kostbare Lade. Himmelserbschaft teilt sich aus. Tropfe um Tropfe träufelt herab…
NUTZER: Offen gestanden, verlor ich den roten Faden. KI MATA HARI: Atmosphärische Störungen. Befremdliches Rauschen…
NUTZER: Das Theatralische gehört zu ihrer Person. Ohne theatralischen Hang wäre diese Niederländerin aus der…
DIE WOLKE: Tauet Himmel den Gerechten. Wolken regnet herab. Die ist nicht ich. Ich bin nicht die. Ich weiß nicht, was die…
Kategorien
