Jüdisches
Tagesdatum:

15 Iyyar 5786

(02/05/2026)

  • Bühne
  • Buch
  • Reise
  • Kunst & Architektur
  • Politik & Gesellschaft
  • Groß in Form
  • Kommentar
  • Podcast
  • Videos

Herren

Erschienen: 7. April 2021
Stefano Mazzonis di Pralafera +
© (Copyright): Opéra Royal de Wallonie – Liège

Im Gedenken an Stefano Mazzonis di Pralafera

Dass erwachsenen Männern zwar die Anrede „Herr“ zukommt, sie aber nicht unbedingt mit den zutreffenden Persönlichkeitsmerkmalen ausgestattet sein müssen, gebieten die gesellschaftlichen Umgangsformen. Immerhin bleibt die Demokratisierung der Anrede festzustellen, galt doch einst noch der verkommenste feudale Taugenichts zugleich auch als „Herr“. Wie wenig das Prädikat mit einer außerordentlichen sozialen Position oder sonderlichem Vermögen zusammenhängt, kam mir zu Bewusstsein, als ich – ein damals junger Mann – einen Musiker aus dem heutigen Tschechien kennenlernte. Dieser hatte Philosophie studieren wollen, wurde aber vom sozialistischen Regime dazu nicht zugelassen, weil er als Waise im Haushalt seines Onkels, eines katholischen Pfarrers, aufgewachsen war. Lediglich das vermeintlich unpolitische Instrumentalstudium wurde ihm gestattet. Auf meine Frage, ob er die Mitglieder der Gesinnungskommission, die ihn verhört und seinen Lebensentwurf zerstört hatten, nicht gehasst habe, antwortete er: „Manchmal war ich dazu versucht. Doch, wenn Sie zu hassen beginnen, dann haben Sie verloren.“  

Nicht zu hassen war eine Grundeigenschaft dieses ebenso hoch aufgeschossenen wie umfassend gebildeten und soigniert auftretenden „Herrn“, sie ist ein Wesensmerkmal der Spezies überhaupt, ob sie nun deutsch, französisch „Monsieur“ oder italienisch  „Signore“  benannt wird. So bin ich denn bei Stefano Mazzonis di Pralafera angelangt. Der Intendant der Liégoiser Opéra Royal de Wallonie und Ehrenbürger der Maasmetropole erlag Anfang Februar im Alter von 71 Jahren einem Krebsleiden. Mazzonis di Pralafera war unzweifelhaft ein „Herr“. Dank der damit verbundenen Qualitäten gelang es ihm, die Lütticher Oper zu einer Belcantohochburg auszubauen, deren Ruf durch Übertragungen unter anderem ins französische Fernsehen weit über die Grenzen der Wallonie und Belgiens ausstrahlte.  Mazzonis di Pralafera schuf  an der Maas eine sehr spezielle – aus Weltläufigkeit und Bodenständigkeit gemischte – Atmosphäre, durch die sich viel internationale Sänger- und Dirigentenprominenz zu Auftritten im Herzen der Wallonie bewogen fühlte und immer wieder dorthin zurückkehrte.

Den Liégoiser Intendanten zeichnete umfassende Bildung aus.  Bildung, begriffen als die entschiedene Formung der eigenen Persönlichkeit. Freilich ohne jeden Zwang. Freies Betragen, Gelassenheit und der Sinn für das der jeweiligen Situation Angemessene zählen zu den Grundeigenschaften des „Herrn“. Seine Freundlichkeit und Zugewandtheit sind echt. Sie erwachsen aus dem Wohlmeinen gegenüber Welt und Menschen eingedenk ihrer Schwächen, freilich ohne die Fehler zu billigen oder mindestens nonchalant zu übersehen. Stefano Mazzonis di Pralafera bewies solche Qualitäten. Wie auch jene, sich niemals herablassend zu geben und weder die eigene gesellschaftliche Position zu betonen noch Autoritäten ungebührlich zu schmeicheln. „Herren“ sehen im Gegenüber zunächst den Menschen, dann erst dessen gesellschaftlichen Ort. Diese Unvoreingenommenheit ließ Stefano Mazzonis di Pralafera immer sein Publikum im Auge halten, vor allem die an keinen Bildungskanon mehr gebundenen jungen Leute. Ihnen mussten die für sie unbekannten Werke auf der Bühne erst einmal plausibel erzählt werden. Sie nahmen das Angebot an. Inzwischen zeigt sich das Publikum der Königlich Wallonischen Oper erheblich verjüngt. Mazzonis di Pralafera war auch vom Auftreten her eine Erscheinung. Stil und Eleganz begreift, wer „Herr“ ist, nicht als Modediktat, sie gelten ihm als überzeitlich, ja geradezu als Humanum.  

Nicht zuletzt zeigt das Dialogische den „Herrn“ im ureigensten Element. Sein Konversationston ist präzise und warm grundiert, eine weitere am Liégoiser Intendanten trefflich zu beobachtende Eigenschaft. Mit ihm verschied der ausgezeichnete Vertreter einer – wie ich bedaure – ohnehin ablebenden Spezies.  Der „Herr“ ist Produkt des bürgerlichen Zeitalters. Mag sein, wie die „Dame“, dessen Nobilitierung. Doch befindet sich das bürgerliche Äon auf der Schwundstufe, für den Fortbestand des „Herrn“ fehlen daher die Voraussetzungen. Traurig, aber wahr.

Meinen Nachruf auf Stefano Mazzonis di Pralafera können Sie hier lesen:
https://www.theaterpur.net/persoenlich/2021/02/13/verwaister-belcanto-tempel/

Vorheriger Beitrag
Versuch über Rossini – Fortsetzung 2
Nächster Beitrag
Versuch über Rossini: Schluss

Neueste Beiträge

Politik & Gesellschaft

KI MATA HARI, 1

Erschienen: vor 5 Tagen

DIE WOLKE: Tauet Himmel den Gerechten. Wolken regnet herab. Die ist nicht ich. Ich bin nicht die. Ich weiß nicht, was die…

Kommentar

Kulturminister auf Abruf

Erschienen: vor 2 Wochen

Gut, die Solidaritätsbekundungen Kunstschaffender, deren modische Vorlieben, Habitus und politische Auffassungen jenen…

Tipp

Denkmal für den Meininger Theaterherzog

Erschienen: vor 3 Wochen

In Meiningen ist Georgsjahr. Bis heute zeigt sich das einstige Residenzstädtchen vom Theater geprägt. Dank Georg II. (1826 bis…

Kaminski liest

Salzmann, Sasha Marianna: Danja, mein dementes Jahrhundert. Frankfurt a.M. 2025

Erschienen: vor 3 Wochen

Die kleine, aber durchaus mit Forderndem für sich einnehmende Buchhandlung „in“ der Mecklenburgischen Seenplatte ließ…

Kuratierte Beiträge

KUNSTGESCHICHTE

Erschienen: vor 3 Wochen
Benjamin Thum geht in der Regensburger Online-Zeitschrift den italienischen Einflüssen auf das Werk Gerhard Richters nach. Lesen Sie hier: www.kunstgeschichte-ejournal.net/631/

Kategorien

Kuratierte Beiträge 74

Bühne 33

Kunst & Architektur 13

Politik & Gesellschaft 11

Buch 7

Kommentar 7

Tipp 6

Kaminski liest 5

Reise 5

Groß in Form 1

KURATIERTE BEITRÄGE

KUNSTGESCHICHTE

Erschienen: 13 Apr. um 20:37 Uhr
Benjamin Thum geht in der Regensburger Online-Zeitschrift den italienischen Einflüssen…
Beitrag lesen

VOLLTEXT

Erschienen: 13 Apr. um 20:35 Uhr
Der Auszug aus dem neuen Roman des Autors lässt einen…
Beitrag lesen

GRÜNE BUNDESTAGSFRAKTION

Erschienen: 13 Apr. um 20:34 Uhr
Der Antrag auf Förderung der Muslime in Deutschland ist ein…
Beitrag lesen

JÜDISCHE ALLGEMEINE

Erschienen: 13 Apr. um 20:32 Uhr
Die aus der Ukraine nach Deutschland geflüchtete Schriftstellerin Iryna Fingerova…
Beitrag lesen

CONCERTI

Erschienen: 13 Apr. um 20:26 Uhr
Markus Lüpertz bestückt Wagners „Rheingold“ mit seiner die boshafte Komödie…
Beitrag lesen

LONDON REVIEW OF BOOKS

Erschienen: 14 Jan. um 12:41 Uhr
Der frühe Kouros im New Yorker Metropolitan Museum of Arts…
Beitrag lesen

MADAF

Erschienen: 14 Jan. um 12:36 Uhr
Avishai Platek hat einen opulenten Bildband über die Laternen in…
Beitrag lesen

WALLSTEIN VERLAG

Erschienen: 14 Jan. um 12:32 Uhr
Ob die gegenwärtigen Epochalisierungsmodelle durch neue ersetzt werden sollten, das…
Beitrag lesen

JOURNAL OF HISTORIANS OF NETHERLANDISH ART

Erschienen: 14 Jan. um 12:27 Uhr
Das Roundtable-Gespräch verständigt sich über Rang und Bedeutung niederländischer Künstlerinnen…
Beitrag lesen

DOMUS

Erschienen: 14 Jan. um 12:08 Uhr
Die Maxentius-Basilika auf dem Forum Romanum ist ein Hauptwerk spätantiker…
Beitrag lesen

Kontakt

info@kultur-kaminski.de

Rechtliches

Impressum
Datenschutz

 

© 2026 Copyrights by Michael Kaminski. All rights reserved.

 

Diese Website verwendet Cookies, um Ihr Nutzungserlebnis zu verbessern. Wenn Sie die Seite weiterhin nutzen, stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu.