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Chicago in Ostwestfalen

Erschienen: 29. Juni 2020
Lohnsklaven-Intensivhaltung

Schöner Wohnen für Leiharbeiter

>Hier gilt’s der Kunst!<, gewiss doch. Nur kann dieser Blog, gerade indem er sich den Künsten widmet, nicht ignorieren und verdrängen, wenn Menschen Lohnsklavenlos trifft. Wenn Leuteschinder jener abgetan geglaubten Spezies, wie sie im Fleischtycoon Mauler in Brechts >Heiliger Johanna der Schlachthöfe< begegneten, untot umgehen. Unversehens weckt nun eine Größtschlachterei im ländlichen Raum des ebenso industrie- und gewerbefleißigen wie beschaulichen Ostwestfalen Bilder der gigantischen Schlachthöfe im Chicago der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Brechts Johanna erfährt dort die vollkommene Sinnlosigkeit jeder Art von Zugeständnisses an Kapitalakkummulatoren und Gewinnmaximierer vom Schlag eines Mauler oder Tönnies. Denn deren großspuriges Bekenntniss zu Recht, Verantwortung und Reform schindet lediglich Zeit, um jeden tatsächlichen Wandel zu hintertreiben.

Fuhrpark für den Sklaventransport

Das gilt auch für die Wohnverhältnisse der vorwiegend in Südosteuropa beheimateten Leiharbeiter. Fotos vom vergangenen Wochenende, die eine Freundin mir zuschickte, belegen die nach wie vor gottserbärmliche Unterbringung. Die Bilder zeigen ein im Kreis Gütersloh unmittelbar an der Landesgrenze zu Niedersachsen gelegenes einstiges Luxushotel. Vor grauen Jahren tagten dort der frühere und künftige regionale Fußball-Erstligist und ein fest auf dem Weltmarkt etablierter Lebensmittelkonzern mit freilich nur geringer Schnittmenge zur Fleischindustrie. Das Foto vom letzten Sonntag dokumentiert zahlreiche achtsitzige Transportfahrzeuge auf dem Parkplatz des Hotels, von denen sich – bei nicht völlig einsehbarem Terrain – vierzehn zählen ließen. Hier und auf einer weiteren Abstellfläche kamen mindestens zwei Dutzend Privatfahrzeuge hinzu. Auf dem Foto nicht sichtbar, parkte ein Reisebus vor der Absteige. Die Zahl der an der gänzlich enttakelten vormaligen Luxusherberge parkenden Fahrzeuge lässt auf überschlägig mindestens 200 Bewohner schließen. Das Haus verfügt über insgesamt 40 Einzel- und Doppelzimmer. Demnach wird ein jedes davon mit durchschnittlich fünf Personen belegt sein.

Hinter der ländlichen Idylle wohnt das Grauen. Doppelzimmer als Sardinenbüchse.

Bei einer Begehung vor etwa zwei Jahren fanden sich des Hauses Doppelzimmer durch darin paarweise befindliche zweistöckige Betten bereits recht eigenwillig interpretiert. Die sanitären Anlagen glichen Zuchtanlagen für Schimmelpilzkulturen. Seither dürften sich Belegungsdichte und Hygiene eher verschlechtert haben. Offenbar korrelieren Massentierhaltung und Wohnsituation der Schlachter, Zerleger und Verpacker.  

Sage niemand, daran ließe sich kurzfristig nichts ändern. Wie anderenorts, führt die Covid-19-Lage in den zahlreichen seriös geführten Hotels und Pensionen des Kreises zu erheblichen Leerständen. An menschenwürdigen Quartieren herrscht kein Mangel. Subunternehmen wie Größtschlachterei dürfen getrost die Spendierhosen anziehen.   

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