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Dritte Anmerkung zu Goethe

Erschienen: 9. August 2021
Georg Melchior Kraus, Szene aus Iphigenie auf Tauris mit Corona Schroeter in der Titelrolle und Goethe als Orest (Goethe Nationalmuseum, Weimar)

Konfrontation mit der Wirklichkeit

Goethes >Iphigenie< singt das Hohelied der Humanität. Nichts Geringeres wird im Stück verhandelt als die Abschaffung des Menschenopfers, ein für die Geschichte der Spezies entscheidender Schritt. Goethe datierte ihn ins griechische Altertum. Seine Vorlage freilich – das Drama des Euripides – wandelte sich unter seiner Feder von einer bloßen Fluchtgeschichte, in der Titelfigur, Bruder samt Gefährten und Götterbild der Diana aus dem Barbarenland der Taurer entkommen, in einen empfindsam getönten Diskurs der Aufrichtigkeit und wechselseitigen Schonung, aus dem der die Krim regierende skythische Barbarenkönig Thoas dank der mitfühlenden Argumentationsstärke der Titelheldin als aufgeklärter Herrscher hervorgeht.

Zeitweilig drohte dem Dichter Schreibhemmung. Die Not zahlreicher Untertanen Herzog Karl Augusts im 20 Kilometer östlich von Weimar gelegenen Apolda schrie zum Himmel. Eine Dienstreise dorthin führte Goethe die unhaltbaren Zustände vor Augen. Zu dichterischer Produktivität musste er sich zwingen. Am 6. März 1779 schreibt er an Charlotte von Stein: „Hier will das Drama gar nicht fort, es ist verflucht, der König von Tauris soll reden als wenn kein Strumpfwürcker in Apolda hungerte.“

Apolda hatte es zu einiger Bedeutung in der Textilproduktion gebracht. Bis zu 500000 Paar Strümpfe wurden im sachsen-weimar-eisenach-jenaischen Landstädtchen jährlich gefertigt. Nun aber lagen von den 780 ansässigen Strumpfwirkerstühlen beinahe 100 still. Goethe führte dies auf den Einbruch von Absatzmärkten infolge des sich zusammenbrauenden bayerischen Erbfolgekriegs zurück. Mindestens hinzu kommt indessen die Lohndrückerei durch die örtlichen Unternehmer. Diese >Verleger< (so die Berufsbezeichnung) stellten für die in häuslicher Arbeit produzierte Maschenware den Wirkstuhl samt Wolle oder Seide zur Verfügung. Strumpfwirkern, die Dumpinglöhne nicht hinnahmen, ließen die Verleger den Wirkstuhl aus dem Haus entfernen.

Die Konstellation in Apolda glich in etwa jener, die Gerhart Hauptmann etwa 120 Jahre später in >Die Weber< schildert. Doch war an Aufstand wie dann in Schlesien im Thüringen des ausgehenden 18. Jahrhunderts, zehn Jahre vor Ausbruch der Französischen Revolution, nicht zu denken.

Ebenso wenig für Goethe daran, ein soziales oder gar naturalistisches Drama zu schreiben. Zwar enthielt der >Goetz< einige Szenen, die auf lange Sicht dorthin weisen konnten, doch Goethes Auffassung von seiner höfischen Stellung und zudem sein eigener poetischer Weg, der in Richtung dessen zielte, was einmal Weimarer Klassik heißen sollte, schlossen das Elend der Strumpfwirker im Drama oder sonstiger Dichtung darzustellen aus.

>Iphigenie< anlangend, heißt das für Nachgeborene: „Nimm sie oder lasse sie.“ Es empfiehlt sich, sie zu nehmen. Unter Vorbehalt.

Apolda, Rathaus mit Marktplatz

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