Jüdisches
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Jenseits der Meinungsmache

Erschienen: 3. Oktober 2019

Politisches Musiktheater ohne ideologische Scheuklappen

Reden wir über die Eröffnungsproduktion der Hannoverschen Musiktheaterspielzeit, Halévys >La Juive< in der Regie von Lydia Steier also, mit der sich Laura Berman als neue Staatsopernintendantin an der Leine einführt. Und reden wir darüber, in einer Zeit zu leben, die Juden in Deutschland neuerlich das Fürchten lehrt. Der Antisemitismus dräut von entgegengesetzten Rändern. Während eine der im Bundestag vertretenen Parteien das öffentliche Klima vergiftet wie sonst nur die mit ihr Schnittmengen bildende braune Bande, sucht den inzwischen immunschwachen Staatskörper andererseits ein Juden offen attackierender Islamismus heim, dessen sich zu erwehren die Bürgergesellschaft bislang über kein probates Mittel verfügt.

Gegenwärtig ist möglich und wird hingenommen, Demonstranten gegen eine allem Jüdischen feindliche, überdies unangemeldete Rap-Veranstaltung vor dem Brandenburger Tor vom Platz zu weisen. Mitten in Deutschland. Berliner Polizei war am Werk. Wie ideologisch oder pseudoreligiös motivierten Anschlägen auf zivilisatorische Standards zu widerstehen sei, darauf bietet >La Juive< in Hannover – das versteht sich von selbst – keine Antwort. Statt dessen nimmt die Aufrichtigkeit für sich ein, mit der Halévy und sein Librettist Scribe sich ihrer Thematik stellen, indem sie weder die Zentralfigur Éléazar noch sonst jemanden zum Sympathieträger erheben. Rasch sonst wären Komponist und Textdichter beim Einzelfall des freundlichen Juden um die Ecke gelandet, bei dem das nachbarschaftliche Auge zugedrückt wird.

Nicht auf den sentimentalen Ausnahmefall zu bauen, eben darin besteht die Größe der >Juive<. Weder Kardinal noch Prinz zeichnen sich durch angenehmes Wesen aus, doch errichtet die schiere Gruppenzugehörigkeit zur herrschenden Religion einen Schutzwall um sie. Welcher – der Prinz muss es erfahren – in sich zusammenstürzt, sobald die Gruppensolidarität in Zweifel gezogen wird. Hingegen vermag der Zusammenhalt der Juden untereinander die religiöse Minderheit nach innen zu bestätigen, nicht aber gegen Verfolgung zu feien. Nach dem Pogrom bleibt vor dem Pogrom. Dass nun ausgerechnet das bourgeoise Repräsentationsformat der Grand opéra den Sachverhalt scharfsinnig und mit enormer Schlagkraft durchdringt, mutet paradox an, lässt sich aber nicht leugnen. Halévy selbst forderte eine dezidiert politische Kunst.

La Juive< an der Staatsoper Hannover weicht der Monumentalität des Genres nicht aus und dem Politikum schon lange nicht. Ohne Agitprop, ohne Moralkeule, ohne Schönfärberei scheut die Produktion weder vor den ungeheuren Anforderungen der Gattung noch vor dem dringlichen Thema. Davon direkte Änderung im Gemüt brauner oder islamistischer Rohlinge zu erhoffen, hieße sich im Traumtänzerischen verlieren. Kunst aber wirkt oft indirekt und auf wenig nachvollziehbaren Wegen. Ich baue darauf.

Meine ausführliche Besprechung ist in der ORPHEUS 06/19 (November, Dezember) erschienen.

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